In der Wüste wird euch die Reinheit des Denkens nähren

Moses-&-Aaron-AB

Das eigene Heim als „OpernBühne“: Detleff Neumann-Neurode, seit 2002 profiliertes Mitglied und Sportwart des Kleinkarrée e.V., mit seinem Sohn Anton beim Partiturstudium.

Schon in der Anfangsphase der Probenzeit arbeitet Hermann Neumann-Neurode mit „der ganz kleinen Feile“, wie es unter Theaterleuten heißt: Nur der punktgenau explodierende strillo terribile vermag für ihn Moses Erschütterung beim Anblick des brennenden Dornbuschs angemessen zum Ausdruck zu bringen. Nur eine helle, fast schon heitere Einfärbung des „Erwartet die Form nicht vor dem Gedanken!“ (Aron vor dem Berg der Offenbarung) lässt ihn jene menschliche Tiefe spüren, wie sie beispielhaft in der legendären Einspielung von 1978 unter Herbert Kegel (Aron: Reiner Goldberg) erreicht wurde. Ist der eine Ton nicht getroffen, gilt ihm das Ganze als verpatzt. Konzentriert hören die beiden achtjährigen Zwillinge Niels und Lars den Ausführungen ihres Vaters zu. Ihr Alter betrachten die beiden nicht als Hindernis für die Figurenarbeit. (Niels: „Dann finden Sie erstmal zwei Sängergreise im durch die Bibel bezeugten Alter von 120 und 153 Jahren.“) Anton Stoffel-Neurode hat die Partitur kindgerecht für seine Halbbrüder um zwei Oktaven nach oben transponiert für das Akkordeon bearbeitet. „In der Zwölftonmusik geht es um die Unversehrtheit des sich selbst generierenden Codes, nicht um eine Absolutheit des Klangs. Die Reihe bleibt bei mir vollkommen intakt. Ein Fis ist auch bei mir noch ein Fis, wenn auch ein deutlich höheres.“

Ein Fis ist ein Fis! Genaues Hinhören erfordert Konzentration und Liebe zur Sache

Hermann Neumann-Neurode erläutert seinen pädagogisches Ansatz: „Mit Konrad Lorenz verfolge ich das Konzept des ‚Lernens durch Überforderung’. Der menschli-che Geist entwickelt sich in Sprüngen. Wer nur bei dem ansetzt, was er kann, bleibt am immer gleichen Punkt stehen. Wenn er nicht gar zurückgeht, wie zuletzt exemplarisch eine Aufführung der sog. Aachener ‚Opernschule’ demonstrierte. Gezeigt wurde EIN ZAPPENDUSTERER ABEND IM STADTTHEATER (gemeint ist die Aufführung der Operette EINE NACHT IN VENEDIG; Anm. d. Red.). Das Problem bestand darin, dass die Aufführenden glaubten, selbst schlauer als das aufgeführte Werk zu sein. Die solchermaßen unterstellte Dämlichkeit der Vorlage (letztendlich nur die eigene) wurde als komisch angesehen und der allgemeinen Lächerlichkeit preisgegeben. Was dazu führte, dass man – statt etwas zu lernen – sich für nichts mehr zu blöde war. Das Ergebnis war, wie ich es nenne: Gesang mit offenem Hosenstall. Ich dagegen akzeptiere in Bezug auf meine Kinder nur allerhöchste Ansprüche. Wenn es unbedingt schon etwas aus dem komischen Fach sein muss, hätte ich eine Oper von Hans-Werner Henze genommen. DER JUNGE LORD z.B.“

In geduldiger Heimarbeit entstehen phantasievolle Kostüme


Neumann-Neurodes Antwort auf die Frage nach der ihn bewegendsten Stelle in MOSES UND ARON: „F-E-Ges-Es-Es-E-C-Ges-F-D-A-Gis-D-Cis.“ Lars erläutert: „Die Priester beleidigen das Volk der Israeliten mit ‚Wahnsinnige!’ Sie fragen: ‚Wovon soll euch die Wüste nähren?’ Und Moses singt darauf mit den von meinem Vater genannten Tönen: ‚In der Wüste wird euch die Reinheit des Denkens nähren!’“

Guido Rademachers
Fotos & Video: Gabor Baksay

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