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Kultursenf

UserBeitrag

15:36
7.12.2008

Heiko

Member
Beiträge1

Da schlägt man nichtsahnend die neue Movie auf und dann das: ein gefühltes Heftdrittel voll mit Betrachtungen über das Wohl und Wehe der Kultur in unserer schönen Stadt. Liest sich alles gewohnt unterhaltsam, kluge Gedanken von eloquenten Menschen, aber mich überkam
bei mehrfachem lesen auf einem dafür hervorragend geeigneten Ort das Gefühl, das eine Perspektive fehlt, nämlich die des ähäm, hust, Künstlers.
Nehmen wir mal an, der Künstler ist nicht irgendwann nach Berlin, Köln, Paris oder sonst wohin gegangen. Er ist vielleicht nicht aussergewöhnlich radikal und keine Speerspitze der Avantgarde, aber Sehnsüchte hat er trotzdem, beispielsweise die Sehnsucht, nicht mit der Miete in Rückstand zu geraten, einen fahrbaren Untersitz bezahlen zu können weil Equipmenttransport mit öffentlichen Verkehrsmitteln ein Vorgeschmack auf’s Fegefeuer ist, und vielleicht sogar dann und wann seine Liebste auf ne Pizza einladen zu können. Nun tut der Künstler, was Künstler in solchen Situationen eben tun: der bildende Künstler malt Auftragsportraits, der Autor schreibt Werbetexte, der Musiker macht Tanzmucke, der Schauspieler jobbt als Sprecher für’s Lokalradio und alle zusammen geben (nebenbei, versteht sich) Unterricht.
Nun passiert aber dummerweise ab und an das, was den Künstler zu ebendiesem macht: es kommt etwas aus ihm raus, das in eine Form gebracht werden will und dessen er sich nicht erwehren kann. Da er nun auch nur ein Mensch ist, der sich ab und zu Anerkennung wünscht, beschließt er, dieses „Etwas“ auch anderen Menschen zugänglich zu machen, und da fangen die Probleme an: er hat keine Institution im Rücken und für die eigene Galerie muss man halt nen Raum mieten, bei „Books on demand“ für die Veröffentlichung zahlen, für das eigene Konzert ne P.A. mieten, usw.. Hinzu kommt, das Plakate gedruckt und aufgehängt werden müssen, Pressetexte geschrieben, Fotos gemacht, die Redaktionen der entsprechenden Zeitungen und Magazine mit Material bemustert. Auf dem oben beschriebenen wirtschaftlichen Niveau bedeutet das, der Künstler muss alles alleine machen, da die enstehenden Kosten so hoch sind, das es vollkommen unmöglich wird, auch noch Leute zu bezahlen, die all das für ihn tun. Wenn ich dann auf der anderen Seite lese, wie sich Vertreter subventionierter städtischer Institutionen über einen geringen PR-Etat beklagen, muss ich bei allem Verständnis für die sicherlich vorhandenen Probleme doch schmunzeln. Ich stimme dem Movie-Herausgeber völlig zu, das Leute wie Rick Opgenoort tolle Sachen machen (und er ist ja nicht der einzige), aber nun stelle man sich mal vor, was solche Leute machen könnten, wenn man auch nur ein Prozent des Stadttheater-Etats in ihre Richtung umlenken würde, was im übrigen auch unserem oben beschrieben Künstler zugute käme….. ob da die Verhältnismäßigkeit stimmt?
So, zurück zu unserem Künstler. Konkretisieren wir das ganze ein wenig: er ist männlich, Musiker und hat nach langer Suche ein Forum gefunden um seine nicht innovativ-radikal-sehnsüchtige, aber, wie er findet, doch ganz präsentable Kunst vorzustellen. Damit ist sein Leid nocht nicht zu Ende, denn schließlich muss sich jeder Künstler irgendwann einmal unverstanden fühlen und von wem ? Von der bösen, bösen Presse natürlich!
Im Ernst: Der Künstler ist dem Verfasser dieser Zeilen natürlich auffallend ähnlich, und bei allem Respekt und Movie-Lesespass muss ich sagen, das es den Herrn Baksay zwar ehrt, das er den (relativen) Unsinn seiner Forderung nach Avantgarde-Punk-Tanztheater beim sponsorenfinanzierten September-Special einen Artikel weiter vorne selber zugibt, die im Zusammenhang mit dieser Veranstaltung getätigte Aussage „…mit korrekt gespielter Rockmusik kann man Leuten einen schönen Abend machen…“ ist allerdings trotzdem ungefähr so differenziert wie „..Landschaften in Öl gucken sich die Leute halt gerne an…“.
Wenn man sich das Programm des Sept.-Specials anschaut, fällt auf, das es im Vergleich zum Vorjahr deutlich vielfältiger und eigenständiger geworden ist. Ist ja auch logisch: je besser eine Veranstaltung eingeführt ist, desto mehr kann man in der Programmgestaltung riskieren. Vielleicht gibt es in 3 Jahren tatsächlich die jetzt so vehement geforderte Indie-Bühne. Ich persönlich warte da lieber ein bisschen drauf, als das ich mitansehe, wie das ganze Ding untergeht, weil es zwar Leuten einen schönen Abend bereitet, aber eben immer nur 5 auf einmal.
Und noch was: beim Aixfest hatten auch Leute nen schönen Abend, aber leider viel zu wenige um die Veranstaltung auch nur annähernd in die schwarzen Zahlen zu bringen. Die (sinngemäße) Aussage der ansonsten Monat für Monat sehr unterhaltsam über ihren eigenen Bauchnabel schreibenden Mortizia Adams, es sei alles gleichförmig und ohne Ohrstöpsel nicht zu machen gewesen und sie hätte lieber Flash Future gehört, wird sicher von den allerwenigsten dort anwesenden Besuchern geteilt und trägt ebenso sicher nicht dazu bei, das es beim nächsten Mal, so es ein solches denn geben sollte, mehr Leute hingehen. Ich geh doch auch nicht zu ner Gruftiparty und schreib anschließend es hätte mir nicht gefallen, weil ich keine schwarz gekleideten Menschen mag.
So genug rumgesenft, gelesen hab ich’s natürlich wie immer trotzdem fast alles, also passt’s ja doch, sonst würd man’s ja nicht machen.
Grüße, Heiko





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