Wahnsinn in Hamlet und in Hollywood

Hollywood, die Filmindustrie, ja, die gesamte Kulturindustrie ist ein zynischer Moloch, dessen einziger Sinn die Profitmaximierung ist, und wer etwas anderes als Geld im Kopf hat, den beißen die Hunde. Man hat es sicher immer geahnt, aber David Mamet hat es schon vor zwanzig Jahren gewusst, denn damals schrieb er seine Komödie „Speed-the-Plow“, auf deutsch mehr als frei mit „Die Gunst der Stunde“ übersetzt. Zwei in freundschaftlicher Zweckgemeinschaft verbundene, aber hierarchisch getrennte Filmproduzenten diskutieren unter größtem körperlichen Einsatz, welchem Projekt sie ihr OK geben sollen, einem Actionstoff, der verspricht ein sicherer Blockbuster zu werden, oder einem kruden, spirituellen Buch über Energieflüsse, das als unverfilmbar gilt. Mittendrin noch die Aushilfssekretärin, um deren Gunst gewettet wird, die aber auch nur ihre eigenen Ziele im Kopf hat. Alles in einer so erfrischend naturalistisch geleckten Kulisse, dass man fast denkt, man wäre in einem Hollywoodfilm.

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Das Besondere ist aber nicht das Stück, das an sich nichts so Besonders ist, dass es, liefe es an einem durchschnittlichen deutschen Stadttheater mit unbekannten Schauspielern, die Massen vor der Glotze herlocken würde. Wir sind aber nicht irgendwo, sondern in Recklinghausen. Und die Produktion ist zu Gast vom Old Vic Theatre in London, in den Hauptrollen Jeff „Die Fliege“ Goldblum und Kevin „American Beauty“ Spacey, der Intendant vom Old Vic.
Wenn man die beiden so nebeneinander spielen sieht, wird auch klar, warum Goldblum in den Achtzigern die Hauptrolle in einem Film namens „Das lange Elend“ spielte. Die beiden haben sichtlich Spaß und feuern sich die mametschen Pointen mit Lichtgeschwindigkeit um die Ohren, dass die deutschen Obertitel nicht mehr mitkommen. Jeff und Kevin sind schon zwei coole Säue, wobei vor allem Ersterer durch eine zwischen Tiger und Gazelle pendelnde Eleganz besticht. Der ruhende Pol und Dreh- und Angelpunkt ist als Sekretärin Sarah Michelle Gellar, von Haus aus Musicaldarstellerin, die erst in zwei Filmen gesichtet werden konnte, unter anderem Tim Burtons „Sweeney Todd“.
Eine wirkliche Festivalstimmung will allerdings nicht aufkommen. Hier wird mehr Prosecco als Bier getrunken. Aber es heißt ja auch RuhrFESTSPIELE. Es läuft sonst nur noch „Der Gott des Gemetzels“, zwar mit Herbert Knaup und Barbara Auer, aber trotzdem, es ist heiß, und der Zug wartet nicht. Auf dem Weg vom Festspielhaus zum Bahnhof fragen wir uns, was Kevin und Jeff in dieser kleinen, seltsamen Stadt wohl so die ganze Zeit treiben. Nutzen sie die Gunst der Stunde, um durch ein typisches deutsches Städtchen zu schlendern, wo man ja sonst als Hollywoodstar nur Berlin präsentiert bekommt? Trauen sie sich überhaupt auf die Straße? Braucht man Bodyguards in Recklinghausen? Und wo schlafen sie? Hier gibt es weit und breit kein Waldorf, nicht mal ein Hilton. Aber wahrscheinlich brauchen sie das alles nicht, denn sie sind schon Stars und haben alles erreicht, was man in dem Moloch erreichen kann. Vermutlich haben sie sich einfach ein paar Matratzen auf die Hinterbühne gelegt, spielen dort Poker und rauchen Zigarren während Sarah Michelle in Münster Hotelzimmer zerstört, denn sie ist noch jung und braucht Aufmerksamkeit.

speedtheplow.jpg Ortswechsel. Kulturfabrik Löseke, Hildesheim.
Ich warte auf der hölzernen Veranda auf meine Begleiterin. Neben mir sitzen die Schauspieler und holen sich letzte Anweisungen vom Regisseur ab, bevor sie sich umziehen gehen. Nur Horatio und Laertes bleiben übrig und warten auf ihre Hamburger, denn „ohne Hamburger kein Hamlet“. Horatio zu mir: „Wir kennen uns doch auch von irgendwo her, oder?“ „Keine Ahnung, vielleicht.“ Laertes: „Du versuchst auch immer, die jungen Männer überall aufzureißen.“ „Ach hör doch auf, ich reiß doch nichts auf.“
Das Besondere an diesem Hamlet ist, dass alle Schauspieler schon Psychiatrieerfahrung haben. Das haben sicher viele Schauspieler, nur sind diese hier keine Profis und die Inszenierung eine Produktion der Gruppe Soziale Selbsthilfe e.V. und dem Theater hArt times (Man beachte das Wortspiel!) Der große Saal, der sonst auch gern für Konzerte und Technopartys genutzt wird, ist ausstaffiert mit Matratzen, die als Spielorte dienen und auf deren Seiten Begriffe wie „Kloster“, „Schlafzimmer“ und „Afrika“ stehen. Diese Bettengruft strahlt Gummizellencharme aus, und wenn Ophelia ihren Selbstmord ankündigt, macht sich Gänsehaut breit, denn man meint, einen Hauch Autobiographisches mitschwingen zu spüren. Die Anschlüsse und die Lautstärke stimmen zwar oft nicht, aber das verzeiht man ja gern. Untermalt ist das Stück, aus dem konsequent jedes Quäntchen Wahnsinn geholt wird, mit Livesongs von Nirvana, eine Band, deren Sänger mit Hilfe eines kleinen Psychiatrieaufenthaltes heute vielleicht noch am Leben wäre. Dabei hätte er allerdings durch Lobotomie seine Kreativität einbüßen können, andererseits ist davon nach einer Ladung Schrot wahrscheinlich auch nicht mehr viel übrig, aber wer weiß, wo er jetzt ist.
speedtheplow2.jpgEin Zuschauer, der nichts von den Hintergründen der Darsteller wusste, fand die Vorstellung wörtlich „nur scheiße“. Ich frage mich, ob ich nur Authentizität in den Dilettantismus projiziert habe, weil ich das Programmheft gelesen hatte.
Auf der hölzernen Veranda trinken wir noch ein Bier, während neben uns ein spindeldürrer Altpunk mit imposantem Irokesenschnitt und mickrigem roten Bartwuchs inbrünstig Nina Hagen interpretiert und sich unbeschreiblich weiblich fühlt.
„Ey, ich bin Drummer und such wieder ne Band. Die ham mich einfach rausgeschmissen, die Wichser, wegen meiner Mutter, weil ich da am Karfreitag war. Wir haben so Trashmetal gemacht. Ich brauch das um mit meinen Psychosen klar zu kommen.“
„Du hast Psychosen?“
„Ja, Mann, und dann werde ich aggressiv und tu Leuten weh, die mich lieben, aber ich kann dann nicht anders und weiß das auch später nicht mehr. Die kommen wie sie wollen, die Psychosen. Von den Drogen.“
„Was denn für Drogen?“
„LSD! Ich stand auf der Brücke und dacht ich könnt fliegen. Ich hab so oft gedacht, ich schneid mir die Pulsadern auf oder spring irgendwo runter, aber ich hab’s nie gemacht. Aber nüchtern durch diese beschissene Welt zu gehen, ist erst recht Selbstmord. Das ist meine Meinung. Weißt du, ich bin noch ein richtiger Punk, so was wie mich gibt’s heute gar nicht mehr. Die Typen, die heute auf der Straße rumhängen, Bier trinken und sich Punk nennen, haben doch gar keine Ahnung mehr, was das bedeutet Punk zu sein. Das ist nicht bloß das Aussehen, du kannst aussehen wie du willst, es kommt auf die Haltung an.“
„Heute kann man die Palästinensertücher ja schon bei H&M kaufen.“
„Genau! Die haben doch alle keine Ahnung, was das bedeutet! Heute weiß niemand mehr, was Punk ist. Ich werd von Ausländern verprügelt, weil sie denken, ich wär ein Nazi. Früher hab ich für die gekämpft und geblutet und heute verprügelt mich so’n Dreckstürke und nennt mich Nazi! Mich! Kannst du dir das vorstellen?“
„Das ist unmöglich.“
„Ich hab mit zwölf Jahren angefangen, auch so mit Sicherheitsnadeln im Ohr. Dann hatte ich Punkertaufe und seitdem heiß ich Erbse. Jetzt war ich neun Jahre im Knast und suche wieder ne Band.“
„Wieso im Knast?“
„Ich hab n Polizisten angezündet.“
„Was?“
„Ja, ich hab n Polizisten angezündet. Mit Benzin übergossen und angezündet.“
„Und hat der das überlebt?“
„Ja, mit schwersten Verbrennungen. Dafür war ich auch neun Jahre im Knast. Das war Krieg damals. Polizisten, das war der Staat und den Staat mussten wir bekämpfen. Wir haben doch gegen die Unterdrückung gekämpft. Ich bin immer noch für Revolution. Aber es gibt keinen, der eine startet, keinen Anführer. Ich würd’s machen, aber nicht allein. Dafür steht bei mir zu viel auf dem Spiel. Die Bullen beobachten mich. Die wissen immer, was Erbse macht. Wenn ich nur eine Sache mache, bin ich wieder drin.“
„Dann würde ich es auch nicht machen. Das lohnt sich nicht.“
„Nee, das lohnt sich echt nicht mehr.“
Erbse hat leider nicht mitgespielt. Er wäre sicher ein besserer Hamlet gewesen als dieser Schluffi mit Gipsarm und Teddybärgrinsen. Es ist wie der bierbäuchige Horatio auf der Bühne sagte: „Wahnsinn ist die Zeit dazwischen bis der Sinn wieder anfängt.“

Paul Riemann

Speed-the-Plow von David Mamet
Regie: Matthew Warchus
Bühne und Kostüme: Rob Howell
Koproduktion von The Old Vic und Ruhrfestspiele Recklinghausen
Weitere Termine: keine

Hamlet goes hArt times nach William Shakespeare
Regie: Frank Matzke, Anna Drescher
Ausstattung: Nora Neuhaus
Musik: Ulrich Ahrens, Jörg Lichtenberg, Jörg Hering
Koproduktion des Theater hArt times und der Gruppe Soziale Selbsthilfe e.V.
Weitere Termine: keine

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