von Paul Riemann
Hildesheim. Bushaltestelle Universität 15:17
Ich warte auf den Bus zum Bahnhof und tippe etwas in mein Handy. Eine alte Frau mit weißen Haaren und dicker Brille spricht mich an.
„Die Dinger machen sie auch immer kleiner. Die müssen sie mal größer machen. Da kann man doch gar nichts mehr erkennen. Und ich mit meinen Arthrosefingern, das könnt ich gar nicht mehr.“
„Da bräuchte man Zahnstocher.“
„Da haben Sie das richtige Wort gefunden, Zahnstocher! Anders trifft man ja die Zeichen gar nicht mehr. Ich war früher Funkerin bei der Wehrmacht.“
„Ja, das waren sicher größere Geräte.“
„Da konnte man wenigstens noch von Knöpfen sprechen.“
„Das glaub ich.“
„Ja, mit siebzehn wurde ich eingezogen, das ist jetzt auch schon über sechzig Jahre her. Wir haben den Brief nach Hause bekommen. Meine Mutter hat den gar nicht aufgemacht, ist gleich mit mir zum Meldeamt und hat der Frau da gesagt, die kannten wir aus dem Dorf auch, meine Tochter nehmt ihr mir nicht. Da meinte die Frau, Sie wollen sich doch nicht dem Befehl unseres Führers widersetzen? Dann musste sie mich gehen lassen, sonst wär sie ins KZ gekommen. Ich hatte mich freiwillig gemeldet, aber für Sozialdienst und nicht für Wehrmacht, aber da haben sie mich dann reingesteckt. Von Schlesien, da haben wir gewohnt, bis nach Lehrte in Friesland haben sie mich geschickt, da war ich stationiert.“
„Warum denn so weit weg?“
„Ja, so war das halt. Und da hab ich meinen Mann kennen gelernt. Nur zurück konnte ich nicht, in das Haus, das mein Vater gebaut hat, in Schlesien. Die Heimat haben sie mir genommen, die Polen.“
Im Zug von Erkner Bahnhof nach Berlin 18:49
Ich und die anderen zwei Mitfahrgelegenheitsopfer, ein türkischer Ingenieur und ein schwangeres Mädchen, die wir statt in Berlin fünf Kilometer außerhalb ausgesetzt wurden, sind nur durch den Gang von einem dauertelefonierenden Wesen getrennt. Ein dickes unförmiges Mädchen mit unreiner Haut und ohne Frisur, aber mit vielen Haaren, alterslos, aber wahrscheinlich irgendwo zwischen sechzehn und dreißig. „Ja, icke sitz grad im Zug. Icke bin gleich in Köpenick. Ja, Dennis wartet schon am Alex, der hat grad angerufen, aber icke hab weggedrückt. Icke hab achtunddreißig Fieber, aber icke komm jetzt zu euch, dann klären wir das. Ja, Dennis hat seine Fehler, das ist klar. Aber jeder hat Fehler, du hast Fehler, icke hab Fehler und Dennis hat auch seine Fehler. Der wird halt mal wild und schlägt dann und ist aggressiv. Aber jeder hat seine Fehler. Icke auch und du hast auch deine Fehler. Icke will euch da ja auch helfen. Du, icke hab grad die Swennie gehört im Hintergrund. Du hast gesagt, die wär nicht da. Anlügen braucht ihr mich nicht, ne. Icke komm extra zu euch nach Berlin um mit euch das zu klären. Da braucht ihr mich nicht anlügen. Sei mal so lieb und gib mir mal die Swennie, ja? Du, meine Mama ist auch schon ganz verrückt, die liegt mit Fieber im Bett und macht sich Sorgen. Icke hab der gesagt, wenn einer von denen bei uns anruft, soll sie sofort auflegen und wenn einer kommt und nicht gehen will, soll sie die Polizei rufen. Du, bist du mal lieb und gibst mir die Swennie? Icke sitz grad im Zug mit vierzig Fieber und komm zu euch. Wenn Dennis irgendwas macht, dann ruf ich die Polizei, da kenn ich nichts. Aber ich bitte dich, tut mir nichts. Icke will euch doch helfen. Tut mir nichts, ja? Wenn ihr mich schlagt, dann ruf ich die Polizei, da kenn ich gar nichts. Ich steh unter Mutterschutz, da kenn ich gar nichts. Doch, seit heute. Ich hab heut meinen Mutterpass bekommen. Der sollte das aber wissen, der Tom, mein Ex. Der macht mir jetzt die Hölle heiß. Wahrscheinlich treib ich’s ab, aber ich weiß noch nicht, weißt du. Wenn ich’s austrag, dann geb ich’s weg, wahrscheinlich treib ich’s ab, aber ich weiß noch nicht. Aber ich steh jetzt unter Mutterschutz. Ich hab seit heute meinen Mutterpass. Also fasst mich nicht an, sonst ruf ich die Polizei. Icke komm jetzt zu euch mit über vierzig Fieber um euch zu helfen. Dann tut mir bitte nichts, ja?“
Vor dem Berliner Ensemble 19:30
Ein etwa sechzigjähriger Herr im Anzug mit etwas zerzaustem Haar, Zigarillo, rahmenloser Brille mit ovalen Gläsern, flaniert summend und singend umher und kommentiert alles, was er sieht und was ihm in den Sinn kommt, halblaut und halb für sich. Er setzt sich auf einen Poller neben mir, wodurch sein Körper eine seltsam gedrungene Gestalt annimmt.
„Warten Sie auch hier?“ fragt er.
„Ja.“
„Ich bin immer pünktlich.“
„Ja, ich auch.“
„Alle Leute sind immer zu spät. Glauben Sie, das wird heut was Lustiges?“
„Denk ich schon. Wahrscheinlich von allem etwas. Soll ja auf einer wahren Begebenheit beruhen.“
„Den Bernhard lieb ich ja. Die ganzen Wiederholungen in seinen Texten, herrlich! Aber den kennt ja heute keiner mehr. Ich hab zig Leute gefragt, keiner wollte mit. Leute mit guten Jobs, Tonmeister, aber die kennen den nicht. Ich hab mir ja schon immer alles von dem angeguckt, damals schon mit Peymann „Der Ignorant und der Wahnsinnige“, „Die Jagdgesellschaft“, „Die Macht der Gewohnheit“, mit Minetti, großartig! Hamse den mal gesehen? Nee, sindse zu jung. Ja, ich hab das heute morgen im Radio gehört, da war ein sehr schönes Interview mit Peymann, im Kulturradio. Dann hab ich mir gleich Karten besorgt. Den Peymann, wie finden Sie den denn?“
„Na ja, ich hab noch nichts von ihm gesehen. Aber ich hab gehört, alle haben Angst vor ihm.“ „Ja, das stimmt. Ich kenn ihn nicht, aber ich hatte mal Aufnahmen hier mit Günter Grass, da hab ich ihn getroffen. Da merkt man das schon. Ich bin ja ein alter Radiomann, vom SFB, weiß nicht, ob sie das kennen, Sender Freies Berlin. Heißt jetzt RBB, kann ich mich gar nicht mit anfreunden. Also ich lieb den Peymann ja, das sind großartige Arbeiten, die er macht. Aber seine Machenschaften, die sind ekelhaft. Wissen Sie, ich hab in den letzten vierzig Jahren hier alles gesehen, schon von klein auf Konzerte, alle Konzerte hab ich gesehen, Furtwängler und alle. Und die Marianne Hoppe hab ich noch spielen gesehen, kennse die? Die Frau vom Gründgens. Aber Sie sind so still und lieb, und ich quatsch die ganze Zeit. Ich bin Berliner, ich quatsch immer alle Leute an. Was machen Sie denn?“
„Ich studier Kulturwissenschaften.“
„Ach herrlich! Da haben Sie keine Arbeitschancen, aber ein herrliches Fach zum studieren. Dann sind sie doch hier genau richtig in Berlin. Hier ist doch alles. Sieben Opern, vierzig Theater wie das hier, zig Radiosender, ARD Hauptstadtstudio, ZDF, RTL. Und dann noch Dieter Hallervorden und seine Wühlmäuse! Ist doch herrlich.“
Ein Dönerladen auf der Prenzlauer Allee 00:52
„Und die hat gesagt, du kriegst jeden Monat 400 Euro vom Mehmet.“
„Das ist doch Scheiße! Nix krieg ich! Wer erzählt so was?“
„Deine Tante Eva, deine beste Freundin oder was das ist.“
„Die lügt doch, die hat doch keine Ahnung, die Fotze.““Wer ist hier ne Fotze, du Fotze?“
„Nenn mich nicht Fotze. Ich hab eine, ich bin keine.“
„Hetenfotze.“
„Und wegen nem Sackhaar regst du dich so auf?“
„Fotzenhaar, das will ich haben.“
„Fotzenhaar interessiert mich nicht. Sackhaar wär geil.“
„Tina, die ist doch andersrum.“
„Ja, weiß ich doch, weiß ich doch. Sollse doch machen. Ist mir scheißegal. Aber die soll nicht so ein Scheiß erzählen.“
„Das ist hier jeden Tag so. Ist besser wie Kino.“
„Sieht so aus.“
„Ich muss in vier Stunden wieder aufstehen. Muss noch nach Wedding.“
„Wieso? Was machst du denn?“
„Aufm Bau. Bin Dachdecker.“
„Ist das nicht gefährlich, wenn man nicht ausgeschlafen ist?““Na ja, wird n bisschen wackelig, aber das geht schon.“
„Fallen denn da viele runter?“
„Ja, sicher. Das ist Todesursache Nummer eins. Über tausend Tote in Deutschland.“
„Im Jahr?“
„Ja.“
„Als ich 2006 rauskam, kannte ich das doch gar nicht. Als ich reinkam, hieß das noch „Zur Linde“, die gibt’s nicht mehr. Da hamse mir gesagt, hier wären die Stammkunden hin, da bin ich hier hin.“
„Ja, ist doch scheißegal. Ist doch richtig.“
„Und du kriegst 400 Euro vom Mehmet.“
„Red doch keinen Scheiß.“
„In eurer Beziehung ist doch auch nichts normal. Soll ich darüber mal was erzählen?“
„Was der Mehmet und ich für ne Beziehung haben, das weißt du gar nicht und das geht dich auch n Scheiß an.“
„Das ist mir pissegal, ob mich das n Scheiß angeht.“
„Wir ham das zwischen uns geklärt und das ist auch gut so.“
„Ne Türkenhochzeit war das doch, Ausländer!“
„Was willst du denn? Du bist doch selber ne Lesbe!“
„Und 400 Euro kriegst du im Monat. Das hat doch die Eva gesagt!“
„Das ist mir scheißegal, was Eva sagt. Wir haben nicht in der Türkei geheiratet, wir haben ganz normal hier im Standesamt geheiratet. Und das hatte nichts zu tun mit Geld oder Sex, die Hochzeit. Ich hatte da nix von. Weißt du, als ich diesen Mann kennen gelernt hatte, da hat der hier im Lager geschlafen und hatte keinen Job und nichts zum Anziehen. Ich hatte Mitleid mit dem. Ohne mich, da hätte er das hier alles nicht.“
„Weißt du, ich habe diese Frau zum Beispiel Auto gekauft für dreitausend Euro und Reise nach Mallorca.“
„Ja, ist gut, Mehmet. Die einzigen 400 Euro, die ich von ihm wiederhaben wollte, waren die 400 Euro für die Hochzeit. Die Hochzeit hat mich 400 Euro gekostet, die wollte ich nur wiederhaben und die hat er mir auch gleich wieder gezahlt, als er sie hatte. Jetzt leben wir in Trennung, aber das ist ja ne andere Geschichte.“
„Ist mir doch scheißegal, wo ihr lebt. Der ist obdachlos und du kriegst 400 Euro jeden Monat. Das hat die Eva gesagt!“
„Na, junger Herr. Kommst du mit ins blabla“
„Was ist denn blabla?“
„Das ist ne total krasse Musikerkneipe. Da war ich schon die letzten Tage.“
„Spielst du auch?“
„Ja, Country und Reggae.“
„Und was machst du sonst so?“
„Piek. Piek.“
„Piek, piek?“
„Piek. Piek. Krankenschwester!“
„Ach so.“
„Du brauchst keine Angst zu haben. Komm, ich zeig dir die Welt.“
Paul Riemann










