Antreten zum Totlachen: Tartuffe und die Quadratur des Komischen

Tartuffe-TotaleAB

Ensemble zum knutschen: Karsten Meyer/Cléante, Robert Seiler/Damis, Joey Zimmermann/Madame Pernelle, Bettina Scheuritzel/Orgon, Julia Brettschneider/Elmire, Emilia Rosa de Fries/Mariane, Felix Strüven/Dorine

Tartuffe ist Theaterkunst im Aggregatzustand höchster Raffinesse. Diese, wie aus dem Ärmel geschüttelte Leichtigkeit beherrscht außer Shakespeare nur Molière. Dessen messerscharfer Blick auf die blamablen Zustände im Frankreich des 17. Jahrhunderts ist nicht nur eine grandios angezettelte Anstiftung zur Selbsterkenntnis, sondern vor allem – auch und gerade in dieser quicklebendigen Inszenierung – sehr, sehr lustig.

Ein dümmeres und verkommeneres Pack als die herrschende Klasse im Frankreich des 17. Jahrhunderts, hat die Welt vorher und nachher nicht gesehen. Die Dekadenz entlud sich bis zur Demenz und wurde nur von einer anderen Bevölkerungsgruppe des Ancien Régime erreicht: dem Klerus. Dieser war zwar ebenso verkommen, aber in der Regel nicht ganz so dumm wie die herrschende Aristokratie. Ein Vorteil, den professionelle Heuchler wie Molières Titelheld Tartuffe, geschickt zu nutzen wussten, um für sich ein Maximum an Profit herauszuholen.
Man ahnt bereits, unter kompetenten, fürsorglichen Händen ließe sich aus dieser Konstellation erstklassiger Stoff zum Totlachen modellieren.

Jean-Baptiste Poquelin alias Molière besaß diese Kompetenz und modellierte mit dem Scharfsinn Voltaires und der Volksnähe Rousseaus eines der komischsten und berühmtesten Dramen der Neuzeit. Es empfahl sich allerdings, dabei Vorsicht walten zu lassen. Denn die real existierenden Tartuffes würden ihre öffentliche Demaskierung nicht amüsiert zur Kenntnis nehmen; mussten also ein wenig verklausuliert in die Pfanne gehauen werden. (In der Tat forderte der Theologe Pierre Roullé nach der Premiere allen Ernstes Molièrs Verbrennung.) Deshalb ist Tartuffe den allerniedrigsten Rängen der klerikalen Hackordnung zugeordnet. Tatsächlich bleibt im Dunkeln, ob er überhaupt ein ordinierter Priester ist, oder nur ein ruchloser Hochstapler. Auch war Molière umsichtig genug, Tartuffes Opfer, den vor Dummheit implodierenden Orgon, nicht als Aristokraten zu besetzen, sondern als Mitglied des, zwar zu Geld gekommenen, aber damals politisch noch machtlosen Großbürgertums. Aus gutem Grund beinhaltet Tartuffe, eine lange, umständliche Hymne an den König, von alleruntertänigsten Langweiligkeit, die heutzutage aber meistens gestrichen wird.

Philipp Manuel Rothkopf spielt Tartuffe mit falschem Schlangenlächeln wie einen Stasibeamten, dem zwar das Charisma des gesellschaftlich glanzvollen Emporkömmlings fehlt, der dafür aber über einen von lebenslanger Mißgunst genährten Vorrat an hinterfotziger Gemeinheit verfügt. Sein Opfer, der reiche Bürger Orgon, den er durch Hinterlist nicht nur um Haus und Hof, sondern auch um die schöne Gemahlin zu bringen versucht, ist, wie viele andere Partien in diesem Stück auch, eine absolute Paraderolle. Was Bettina Scheuritzel (in einer Hosenrolle) aus diesem vor Dummheit aus allen Nähten platzenden Jahrhunderttrottel macht, ist nicht nur unbedingt sehenswert, sondern atemberaubend. Ihre Interpretation von Orgons verblendetem Verbohrtsein und dessen felsenfestem Vertrauen in die Lauterkeit der Schlange Tartuffe ist so liebenswert unschuldig und so kindlich rein dargestellt, dass man versucht ist, ihr vor lauter Aufregung wie im Kasperletheater zuzurufen: „Vorsicht, hinter dir: Tartuffe!!!“

Eine ähnlich gelungener Fall ist die Darstellung der Figur, der ohne Zweifel Molières größte Sympathie gehört: Das bis an die Zähne mit Sarkasmus und Esprit bewaffnete Dienstmädchen Dorine. Obwohl alle Beteiligten, bis auf den Herrn des Hauses, die Heimtücke Tartuffes mühelos durchschauen, durchschaut Dorine ihn am witzigsten. Im Kampf um diese glanzvolle Rolle soll es hinter den Theaterkulissen der Welt schon Tote gegeben haben. In Aachen siegreich blieb Felix Strüven, der Dorine mit verrucht tiefergelegter Reibeisenstimme und militärisch präzisem Hüftschwung eine Extraportion extraordinärer Rotlichterotik verpasst. Aufmerksame Leser haben vermutlich schon bemerkt, dass es diese Inszenierung mit der korrekten Geschlechterzuordnung nicht wirklich genau nimmt. Ich darf gestehen, dass ich mindestens 15 Minuten lang auf dieses Spiel hereingefallen bin – Deppen gab es schließlich nicht nur im 17. Jahrhundert – und diese mir unbekannte Ensembledame mit ihrem Racke-Rauchzart-Timbre durchaus attraktiv fand. Erst angesichts des dauererigierten Oberschenkels, den Herr Strüven mit Fleiß und Standhaftigkeit aufrecht zu erhalten verstand, wurde auch mir endlich klar. „Das ist ja ein Kerl!“


Emilia Rosa de Fries als larifari lispelnde Zuckerpuppe des Hauses, Mariane, dokumentiert mit beeindruckender Körperbeherrschung, wes Geistes Kind sie ist. Während sich bei Orgon das Ausmaß der Idiotie auf die Schrumpfung seines Großhirns auf ca. Walnussgröße beschränkt, scheint im Fall seiner Tochter zusätzlich noch das für die Muskelkoordination zuständige Stammhirn betroffen zu sein. Dessen Zusammenbrüche gestaltet Frau de Fries mittels artistischer Glanzleistungen (fallen Sie mal wie ein Sack Mehl vom Tisch) zum Running Gag des Abends.

Es ließen sich noch zahlreiche andere Höchstleistungen dieses Ensembles bejubeln, wir müssen aber endlich zu den umunschränkten Heroinen des Abends kommen: dem Geschwisterpaar Christina und Franziska Rast.
Christinas Regiearbeit ist blitzschnell, derb und begiebt sich, mit ausgewählt schmutzigen Theatertricks, von verschleppten Reimen und genüsslich über das erwartete Zeitmaß ausgespielten Witzen, oft genug an den Rand der Geschmacklosigkeit. Da diese Manierismen aber mehr oder weniger vollständig dem Fundus der Commedia dell‘arte entnommen sind und Frau Rast deren komisches Repertoire aus dem Effeff beherrscht, ist auch die plakativste Komik über allen Zweifel erhaben. Der Seiltanz zwischen Millowitsch-Theater und Hochkultur gelingt ihr genussreich, trickreich, souverän. Immer stimmt die Dosierung exakt: Ein Tick mehr und es wäre nicht mehr komisch, sondern platt gewesen.

Die Bühne und Kostüme von Franziska Rast stehen der Inszenierungskunst ihrer Schwester in keiner Weise nach. Die Ausstattung ist, genau wie die Regie, ebenfalls an den Grenzbereichen von Karikatur und Wahrheit genau dort angesiedelt, wo es konzeptuell interessant wird. Spielerisch, wie selbstverständlich, entfaltet sich eine Welt schriller Schönheit und punktgenauer Personencharakterisierung.

Die Schwestern auf der Premierenfeier zu sehen wie sie Hand in Hand verlegen aufgekratzt mit Schulmädchenkichern die Huldigungen des Intendanten entgegennahmen, war ein Bild für die Götter. Augenreibend begann man zu phantasieren, ob sie nicht ebenfalls eine Erfindung Molières sein könnten, diese zwei innig verbundenen Theaterdäumelinchen mit dem herzerwärmenden Pippi-Langstrumpf-Lächeln. Dieses Stück würde ich nur allzu liebend gern sehen.
Gabor Baksay
Fotos: Carl Brunn

Theater Aachen – Bühne
Inszenierung Christina Rast | Ausstattung Franziska Rast
Die nächsten Termine: 28.1. | 04.2. | 22.2. | 24.2. | 26. 2., jeweils 19:30 Uhr
jeweils 19:30 Uhr

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