Auf der Lampe schaukeln

Nijinski Foto

 

„Nijinskiys Tagebuch“ im Theater Aachen demonstriert, wie sich das Kleine Fritzchen den Wahnsinn vorstellt. 

Die Ungarn, manchmal ein recht einfältiges Völkchen, sprechen, wenn sie den Wahnsinn beschreiben wollen, davon, dass jemand „Auf der Deckenlampe schaukelt“ (A lámpán hintázik)
Die Inszenierung des Wahnsinns im Theater Aachen bei der gestern uraufgeführten Oper „Nijinskys Tagebuch“ beschreibt den aufkeimenden Wahnsinn Nijinskiys auf genau diesem Niveau. Kaum ein Tönchen entweicht den Schauspieler- und TänzerInnenlippen ohne dass diese sich dabei hundserbärmlich verrenken und verbiegen müssen. Sämtliche Elementarübungen des Bodenturnens werden durcherxerziert, um zu verdeutlichen, dass da jemand dabei ist, über zu schnappen. Da die ganze Kopfsteherei, Verbieger- und Verenkerei anscheinend nicht ausreicht, die Gedankenarmut dieser Inszenierung zum Ausdruck zu bringen, wird auch noch vehement die Wunderwaffe des uninspirierten Theaterspielens, das sog. Herumbrüllen, in Stellung gebracht. Dabei ist die Musik ganz ordentlich. Detlev Glanert komponiert unaufgeregt zeitgenössisch und im Gegensatz zur überbordenden Ideenlosigkeit der Inszenierung, angenehm trocken. Seine musikalische Illustration des langsam aber sicher durchdrehenden Nijinsky besteht aus einer kaum hörbaren 4tel-Tonverschiebung des Leitmotivs. Besser kann man den wahrhaft sensationell guten Text des titelgebenden Tagebuchs kaum unterstützen. Nijinski, Startänzer aus Diagilevs „Ballet Russe“ und erster Popstar der gerade entstehenden Moderne schrieb 1919 in seinem Tagebuch die allerzartesten Zeilen auf, wie es nur die restlos Durchgeknallte können. „Meine Frau schläft neben mir, und ich schreibe. Meine Frau schläft nicht.“ Lakonisch geht es dieser unserer Realität an den Kragen. „Mein Kopf ist fest, und in meinem Kopf ist auch alles fest.“ Leider darf man diesen von einer klugen, schönen Musik umschmeichelten Text, der nichts anderes will, als mit sich selbst niederzukommen, nicht genießen. Daran hindert einen das viel zu viel an Ambition: „Die sechs Darsteller haben Aufgabenbereiche, die die übliche Norm ignorieren: Sänger und Tänzer müssen auch sprechen…“ Hätten sie es doch bloß nicht getan. Wenn diese Tänzer radebrechen friert die Hölle zu. Oh, hätten sie doch nur geschwiegen! So wird leider nur „auf der Lampe geschaukelt.“

Gabor Baksay

 

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