In der wunderbaren Traumlocation: Zitadelle Spandau gabe es Big-Beat-Electro, Fußball und nach Opium duftende Lindenbäume gleichzeitig
Liebe Freunde des zügellos aufgedrehten Dezibelpegels: Die 20 Euros, die so eine Chemical-Brothers-Eintrittskarte kostet, kann man sich ruhig sparen, ein Besuch der bezaubernden Location, Zitadelle Spandau lohnt sich dagegen immer und sollte so oft wie möglich wiederholt werden. Die Hoffnung, die Brothers würden als Speerträger der höchst löblichen Musikrichtung des sog. Big Beat irgendetwas besonderes, charismatisches wenn nicht gar innovatives darbieten, erwies sich als kostspieliger Irrtum. Stattdessen türmten sich auf der Stones-tauglichen Monsterbühne im M.S.-Queen-Mary-Format auf 2 raumeinnehmenden Stahlblechregalen in IKEA-goes-Industrial-Anmutung ein aus 20 Teilen bestehende Synthie-Museum des einen Brothers. Das erweckte im normalerweise etwas tristen Laptop- undKnöpfchendreherkontext vorfreudige Gelüste auf signifikante Portionen von live eingespieltem. Tatsächlich spazierte der für das Museum zuständige Brother, Ed Simmons, auch von Gerät zu Gerät, um darauf ein paar launige Leads zum besten zu geben. Dies hatte allerdings vornehmlich Feigenblatt-Qualitäten, weil die Hauptlast der Darbietung auf den Schultern von Tom Rowlands lastete, der wie einer diesen sich selbst in Simmung schunkelnden Djs, nicht von seinem Mischpult weichend, seine alphabetisch geordneten Samples mittels Knopfdruck pünktlich zu jeder vierten eins abrief. Wäre nicht so schlimm gewesen, wenn die diese Brothers nicht jeden aber auch wirklich jeden ihrer Hits pflichtbewußt dem massenhaften bejohlt werden dargeboten hätten. Und wenn nicht – ja wenn doch bloß nicht! – Ed Simmons ab und an, die Arme hebend zum Bühnenrand spaziert wäre um sich seine Oooohs und Aaaahs vom Publikum abzuholen. Soviel zum technoiden Musikantenstadl, der mit so etwas strohdummen eigentlich erledigt sein sollte. Okey, eins noch: gute Lightshow!Die Attraktion des Abends bestand aus anderem. Zuerst einmal stand etwas verschämt im Gelände eine improvisierte Mittelgroßleinwand vor ein paar Biertischen platziert, um den technophilen Musikfreunden, gelegentliche Einblicke in das EM-Spiel Deutschland-Portugal zu ermöglichen. Nach dem zwei zu null begab es sich aber, dass eine Massenwanderung von den immer noch schaukelnden Brothers zum für derartige Menschenansammlungen doch etwas klen geratenen Bildschirm stattfand. Selten wurde unter mieseren Bedingungen (habe ich eigentlich schon den nieselnden Dauerregen erwähnt?) ein Fußballspiel von derartig vielen Leuten angeguckt. Die Brothers, die ihre Ausflüge an den Bühnenrand nur noch für die im Schlamm wühlenden Nagetieren vorführten, werden sich ihren Teil über diese „fucking Germans“ gedacht haben.Nichts gegen Public Viewing, das eindeutige Highlight des Abends war aber die Location selbst in Form der brutal ihren Standort behauptenden Zitadelle selbst. In pastoraler Wasserlage mit süßlich duftenen Buchen und Lindenbäumen bestückt, herrschte alles andere als die Openair-notorische Abzockathmosphäre. Trotz geschätzter Zahl von 3000 Besuchern gab es genug Platz, um in aller Ruhe Ausflüge zu den Bierzelten und den zahllosen Dixi-Klos zu unternehmen, vom Regen geschützt unter den Lindenbäumen Heilkräuter zu inalieren, um dann immer noch ohne nennenswertes Geschubse einen Platz in ühnennähe einzunehmen.Leider finden in dieser großartige Zitadelle vorwiegend Vollaufdieglocke-Konzerte von Ü-55 Haudegen, wie ROGER HODGSON Formerly of SUPERTRAMP, Kris Kristofferson oder Jethro Tull statt. …obwohl, Jethro Tull würde ich mir u.U. sogar noch ansehen. (gb)










