Was Friedrich Christian Flick berührt, verwandelt sich in braunes Gold
Diese Skulptur von Paul McCarthy befindet sich im mittleren Stadium ihrer VerflicktheitUnter dem Faustisch rastlosgetriebenen Titel „There is never a Stop and never a Finnish“ beschwört Friedrich Christian Flick im nun gezeigten zweiten Teil seiner „Collection“ das rastlose Rasen seiner omnipotenten Sammelwut. Alles, was gestern noch cool, frech oder aufmüpfig gewesen ist gerät – immer in möglichst kompletten Aufkäufen! – ins Schleppnetz von Flicks Kunstagenten. Nach der Inbesitzname durch den Sammler verlieren die Objekte aber schlagartig ihre Aura und sind nicht mehr cool, aufmüpfig und frech sondern nur noch teuer. Ein bisschen traurig streift man durch die endlosen Kunstkorridore des Hamburger Bahnhofs und sieht seine Lieblinge, McCarthy, Rhoades und all die anderen, unwiederbringlich ihrer Aura verlustig als banales Kunstameublement herumstehen. Wie gelingt Herrn Flick diese Entzauberung? Als tragisch umgekehrter Midas verzaubert seine Berührung alles in Scheiße. Wieso „Scheiße“? In dieser Collection sind doch, wie bereits oben erwähnt, die hervorragendsten Künstler der Gegenwart versammelt – und zwar nicht nur die hervorragendsten, sondern die von Kunstfreunden am meisten geliebten und gehätschelten, quasi die Insidertipps, von denen man sich in vertrauter Runde gegenseitig vorschwärmt. Bruce Nauman z. B. ist zwar kein Insidertipp, aber dafür ein beispielhaft unverbogener Kompromissvermeider, der so ziemlich gegen alles ist, was ihm auf dieser Welt begegnet. Paul McCarthy oder Jason Rhoades kennt dagegen noch nicht jeder, was sich aber nun, da sie im alles gleichzeitig verdauenenden Flickschen Kunstspeicher gelandet sind, leider sehr schnell ändern wird. Das Problem ist nicht, dass sie bekannt werden, sondern dass sie durch die Tatsache, von Herrn Flick in Besitz genommen worden zu sein, im Innersten besudelt, wenn nicht gar – was vielleicht noch schlimmer wäre – vorzeitig kanonisiert worden sind. Denn, was Flick sammelt, ist schon was!Das einzig Spezifische an dieser Collection ist Geld. Von handverlesenen Profis beraten, praktiziert Herr Flick das Kunstsammeln nach dem Modell der Rügenwalder Werbung: „Welches Würsterl hätten Sie denn gerne?“ „Alle!“ Für Herrn Flick muss es eben „die mit der Mühle sein“, der ganze Kippenberger muss her, oder gar nicht.Bereits zur Eröffnung von Flicks erstem Teil seiner Sammlung 2004 machten wir uns Gedanken über Freuds berühmten Satz: „Exkrement wird Aliment“. Jetzt angesichts des vorliegenden zweiten Teils der Flicksammlung wird der Satz geradezu prophetisch: hier beschäftigt sich der Mäzen nämlich ganz explizit mit Scheiße in Gestalt der Arbeiten von Otto Mühl bis Paul McCarthy.Es köstlich, wie Herr Flick seine innersten Nöte geradezu herausschreit und das, was er eigentlich im privaten belassen würde explizit und ohne Not selbst in die Öffentlichkeit trägt.2004 fand diese Selbstbezichtigung noch verklausulierter ins symbolische versteckt statt, als Herr Flick in seiner feierlichen Eröffnungsrede der Collection sich eine frivole Anspielung ins Manuskript schreiben ließ und diese dann auch noch in aller Unschuld vortrug. Mit schmunzelndem Blick über die Lesebrille verkündete er in einer „witzigen“ Metapher: Er habe sich jetzt mit der Hauptstadt sozusagen verlobt, und vielleicht folge ja nach sieben Jahren die Hochzeit. Es ist immer wieder herrlich, wie die Leute eifersüchtig gehütete Geheimnisse durch ihre Witze und ironischen Anspielungen offen ausplaudern. Statt sich in Zürich gepflegt einen auf seine Collection von der Palme zu wedeln, muss Mick Flick sie zum Beweis seiner erfolgreichen Vergangenheitsbewältigung durch die Medien schleifen und die mit unbewältigtem Nazi-Kram nun wirklich genug belastete Stadt Berlin in die peinliche Rolle einer Quasi-Zwangsvermählung mit einer der braunsten Industriellenfamilien des dritten Reichs zu nötigen und dem Ganzen die Krone aufsetzen, indem er die infantil sexuellen Quellen seiner „Sammlertätigkeit“ im Fernsehen auch noch jedem aufs Auge drückt. Also was soll nun die Berliner Bevölkerung auf den Antrag antworten? Am besten: „Lieb, dass du gefragt hast. Aber heiraten – nein, das wäre irgendwie, äh, scheiße.“
Freuds berühmter Satz: „Exkrement wird Aliment“ wird hier eindrucksvoll ins Bild gesetzt. Der Satz besagt, dass die angeblich elementaren Gesetze von Angebot und Nachfrage in Wirklichkeit die Mätzchen eines Tieres sind, das Exkrement mit Nahrung verwechselt hat und wie die kindliche Sexualität kein „wirkliches Ziel“ verfolgt. So wie die kindliche Sexualität nach der analsadistischen Phase dem Untergang geweiht ist, weil „ihre Wünsche mit der Wirklichkeit unvereinbar sind und weil sie kein wirkliches Ziel hat“, ist der aus ihr erwachsene Geldkomplex dazu verurteilt in immer rasenderem Tempo um sich selber zu kreisen („There is never a Stop and never a Finnish“) und alles in Fäkalien zu verwandeln.
Geld (Gold) ist anorganische tote Materie, die lebendig gemacht worden ist, indem sie die magische Macht erbte, die vom infantilen Narzismus dem exkrementalen Produkt beigelegt wird: Das Kind halluziniert in seinem Ausscheidungsprodukt sein eigenes, selbst produziertes Baby. Das Geld erbt die goldgelbe Magie der Exkremente und ist damit imstande, sich fortzupflanzen, Kinder zu haben: Zins ist Zuwachs. Die Verwandlung des banalen Stoffes in Gold ist der Wahn der Alchemie und der Irrtum des pseudorationalistischen Erben der Alchemie, des modernen Kapitalismus. Mit das Beste am „Kapital“ von Marx ist seine schattenhafte Ahnung vom alchimistischen Geheimnis des Geldes und vom mystischen, fetischistischen Charakter der Waren. Und wie Herr Flick in rasendem Stillstand permanent zu beweisen sucht: auch der Kunst. (Gabor Baksay)
„There is never a stop and never a finish. In memoriam Jason Rhoades“, Werke aus der Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof, Berlin. 5. Mai bis 19. August 2007 // Dieter Roth, Martin Kippenberger, Isa Genzken, Andreas Hofer, Otto Muehl, Paul McCarthy Jason Rhoades










