GaborBaksay krönte seinen Wiedereintritt ins Moviemachen mit einer Bildungsreise nach Eupen und landete in der IKOB-Collection

Hier Passen noch Konzepte rein
IKOB-Direktor, Francis Feidler, sorgt nicht nur bei seinen Vernisagereden für unterhaltsamen Esprit
„In Eupen gibt es nichts. Außer Chudosnik Sunergia*, das Capitol und den Pistolen-club. Ansonsten gibt es da nichts.“ So reden dumme, rohe Menschen, die sich etwas auf ihre urbane Kollossalität einbilden, weil sie in Berlin, London oder Aachen leben.
In Eupen gibt es aber sehr viel: eine hübsche Druckerei, Kliemo, ein ebenfalls hübsches (aber nur von innen!) Museum namens IKOB. Dort werden mit den finanziellen Mitteln eines mittelgroßen Männergesangsvereins erstaunlich profunde Ausstellungen zeitgenössischer Kunst gemacht. Ein nach frisch gewaschenen Hälsen und kurzen Hosen klingendes „Jünglingshaus“ gibt es dort auch. Man mag sich unter so einer Heimstatt junger Burschen die herrlichsten Sachen vorstellen, tatsächlich handelt es sich um einen Austragungsort kultureller Bedeutsamkeiten mit Kino und Bühne. Was Eupen außerdem auch noch hat, ist eine waschechte Ober- und Unterstadt und eine der bezauberndsten Tageszeitungen der Welt, das Grenzecho, das so wundervolle Formulierungen publiziert wie: „Jeder Mensch hat(te) eine Mutter, die den weiblichen Elternteil darstellt.“ Neben der brillanten Definition des Begriffs „Mutter“ gilt es zu beachten, wie der Autor mit den sparsamsten Mitteln von lediglich zwei Buchstaben, (das eingeklammerte „te“) im Gehirn des Lesers das ernste, schöne Bild der gefalteten Hände eines frisch verblichenen Muttchens erblühen lässt. Dabei geht es in dem Artikel eigentlich nur um einen simplen „Foto-, Mal- und Schreibwettbewerb zum Thema „Mutter“, den eine gewisse „Lupe VoG“ ins Leben gerufen hat. Schön, wenn man mit wenig Aufwand das Profane mit dem Profunden zu verbinden versteht. Ich darf mitteilen, dass solche Sätzchen zum Küssen des öfteren im Grenzecho stehen, das seinen sprachmuskialischen Esprit auch dadurch zum Ausdruck bringt, dass es für seine geistreiche Glossenkolumne den süfffisanten Titel „Mit spitzer Feder“ erfindet.
Reisende, die nach Eupen kommen, sollten unbedingt ein Robert-Walser-Bändchen mit sich führen. Niemand ist besser geeignet als der wunderlich dichtende Eidgenosse, einen in die idyllisch schlummernden Schwingungen des Städtchens einzustimmen. Es ist ja bekanntlich erwiesen: Böse Menschen lesen keinen Walser. Sie verschmähen dessen zarte Lautgebilde ebenso herzlos wie die im Verborgenen blühenden Sehenswürdigkeiten Eupens. Dabei belehrt einen der Blick auf die Website des Gemeinwesens
(www.eupen.be – „Grenzenlos Dynamisch“) stichhaltig, was man durch derartige Ignoranz alles verpasst. So finden sich am willkürlich herausgegriffenen Dienstag, dem 19.2. (dem Tag, an dem ich das hier schreibe), in der „Agenda“ der Website gleich fünf „Top Events“: 1. Für jedermann geöffnet – Pfarrbibliothek Haasstraße, 2. Treffen der Selbsthilfegruppe „Emotions Anonymous“,
3. eine Singprobe der Senioren-Singgemeinschaft Eupen, 4. „Die Erledigung von kleinen Holzarbeiten für jedermann“ und 5. noch eine weitere für jedermann geöffnete Pfarrbibliothek. Kein Wunder, dass die Belesenheit der Eupener durch dieses massive Angebot an geöffneten Pfarrbibliotheken weit über Ostbelgien hinaus strahlt.
Da ich mit Robert Walsers „Spaziergang“ genügend erstklassigen Lesestoff dabei hatte, ließ ich die Pfarrbibliothek links liegen und begab mich geradewegs zu meiner Eupener Lieblingsadresse, dem Museum IKOB für zeitgenössische Kunst. An der Schnittstelle, wo sich Autoabstellplatz und Resterampe gute Nacht sagen, wird in einem Betonbau, der einer Ferienanlage im Ural Ehre machen würde, überraschend anspruchsvolle, intelligente, moderne Kunst gezeigt.
Diesmal ging es um die Eröffnung der etwas vollmundig als „The IKOB-Collection“ betitelte Ausstellung. Der wichtigtuerische Anglizismus ist eigentlich unnötig, schließlich handelt es sich hier keineswegs um eine bombastische Aufgeblasenheit der Marke „Flick-Collection“, sondern um eine kleine, liebevoll mit Minibudget zusammengetragene Sammlung, die im Gegensatz zum Flickschen Kunstgrößenwahn vor allem eins ist: auf allerliebste Weise petit und angenehm unwichtig. Obwohl es durchaus arrivierte Künstler wie Jacques Charlier oder Guillaume Bijl zu betrachten gibt, geht man durch diese Kollektion nicht, um „Namen“ abzuhaken, sondern flaniert bzw. flattert schmetterlingsgleich durch die Räume, um sich von Exponat zu Exponat überraschen zu lassen. IKOB-Direktor und Spiritus Rector der Sammlung, Francis Feidler, hat mit Schlitzorigkeit, Überredungskunst und Einfallsreichtum den Künstlern erstaunlich Vorzeigbares abgeschwatzt und dabei, wie man hört, diverse Arbeiten sogar gratis bekommen. Hoffentlich musste er für die charmanten Arbeiten von Johan van Geluwe nicht zu tief in die Taschen greifen. Lohnenswert ist der Blick auf die von den belgischen Nationalfarben eingerahmten Texttableaus allemal. „SIRE IL N’Y A PLUS DE PRIMITIFS FLAMANDES“ heißt es da in der antiquarischen Anmutung einer amtlichen Verlautbarung. Erhebend auch der Galgenhumor von Jacques Charlier, der mit seiner Installation „Alaaf“ einen Sarkophag der organisierten Fröhlichkeit verfertigte. Was dagegen Thomas Brenner veranlasst, mit poesietriefenden Fotoarbeiten in die Fußstapfen einer längst überwunden geglaubten onkel- und tantenhaften Kunstauffassung wie derjenigen der Gruppe „Blaustich“ zu treten, lässt sich nur schwer erraten. Derartiges zu verurteilen ist aber in diesem gastfreundlichen, gemütlichen Rahmen unangebracht. Wozu ständig bewerten und unterscheiden, wo man genausogut genießen, lächeln und ein zweites Glas des aparten Weinchens goutieren kann?
Dann wurde es kurzfristig aber doch noch offiziös. Ein- und Auftritt der „Ministerin für Kultur und Medien, Denkmalschutz, Jugend und Sport in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens“.
Bei dieser Würdenträgerin handelte es sich, wider erwarten, also, weil man das bei einer Ministerin so nicht erwartet, um einen heißen Feger. Trotz der schwerer Kunststofftasche, die ihre Trägerin machtvoll in Richtung Erdmittelpunkt zog, sah diese Ministerin in jugendlicher Anmut aus, als wäre sie aus nichts als Milch gebaut. Ich betrachtete es als meine erste Bürgerpflicht, diese Erscheinung („Europas jüngste Ministerin“) augenblicklich anzubeten. Was mag wohl ihre voluminöse Tasche beinhaltet haben? Das kupferne Siegel der Stadt? Die Maastrichter Verträge? Eine Bodenskulptur von Bandau?
Von dem gab es nun tatsächlich etwas zu sehen: die „Belgische Kiste“, eine mehrteilige Bodenarbeit aus seinem bevorzugten Material, Blei, deren Anordnung der Künstler höchstpersönlich unter den Augen der inzwischen leicht beschwipsten Vernissagegäste noch schnell ein wenig korrigierte. Mehr interessierte mich diesmal allerdings eines seiner hauchzart schwebenden Großaquarelle. Das nur aus Grautönen bestehende Gebilde war so behutsam, feinbesaitet dahingehaucht, will sagen, gemalt, dass einem – vielleicht lag es ja am Wein – ganz anders und durchaus auch ein wenig spirituell wurde.

Süßes Jenseits – Joachim Bandau:
Aquarell auf Fabriano Artistico (2002)
Was einen da mit sanfter Gewalt ins Bild hinein zu saugen und zu ziehen drohte, erschien in der Einbildung wie Kafkas mysteriöses Tor zum Gesetz oder, wenn man so will, als Pforte ins süße Jenseits. Klar war jedenfalls, wer da durchgeht, kommt nicht mehr zurück. Ich war schon fast ganz eingesogen, als plötzlich die Stimme der Ministerin erklang. Sie hielt ihre Laudatio und redete – leider, leider – Blech. Also die üblichen Politikerphrasen über den grenzüberschreitenden Austausch, den Kunst ermöglicht usw. Ähnliche Leerformeln bot auch die Ansprache des IKOB-Präsidenten Walter Mießen, die auch dadurch nicht gehaltvoller wurde, dass er sie in drei Sprachen wiederholte. Esprit kam erst auf, als Francis Feider zum Mikrophon griff. Dass ihm seine Sammlung „viel Pläsier“ bringt, nahm ich ihm gerne ab, ebenso die pfiffige Definition seines Konzepts: Als er einstmals gefragt wurde, was denn der Rahmen seiner Sammlung sei, war die Antwort: „Das ist das Braune um die Bilder herum.“
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IKOB-Collection (Thumbnail)
An dem für 18 Uhr angekündigten „gemütlichen Teil“ nahm ich aus Scheu vor der massiv vertretenen Kunstkompetenz nicht teil. (Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass die Anwesenheitsfrequenz von Ü-40-Künstlern, die Bärte und/oder große Hüte tragen, hier überdurchschnittlich hoch war?) Wie auch immer, ich nutzte die Gelegenheit, dem sozialen Beschnuppern und Beschnuppertwerden zu entwischen und stattdessen einen Streifzug über die benachbarte, von einer überaus freundlichen Vorfrühlingssonne beschienene Wiese zu unternehmen. Der erfreuliche Anblick der ersten Schneeglöckchen und die Sonnenbeschienenheit erzeugte jubilierende Euphorie und war fast ein wenig wonnig. Beinahe hätte ich gesagt: wohllüstig, aber dieser Ausdruck ist selbst in Ostbelgien schon lange völlig veraltet und außerdem missverständlich, weshalb man ihn – besonders in Gegenwart einer Ministerin – besser unterlässt. Jedenfalls stimmten mich die wohlig wehenden Düfte und Lüfte irgendwie high (ich glaube in Ostbelgien sagt man noch so) und weckten Gelüste auf Allegorisches. Es schälte sich nämlich der Gedanke heraus, dass diese Gräser und Tautropfen keinen Deut schlechter waren als ihre urbanen Artgenosssen, sagen wir im New Yorker Central Park. Genau das – und dies wäre dann die Allegorie – trifft aber auch auf die Exponate der IKOB-Collection, zu. Die Tatsache, dass die Kunstwerke in der Provinz hängen, macht sie nicht zwangsläufig schlechter als deren privilegierte Gegenstücke in den White Cubes in den Kunstmetropolen. Was wo hängt und vom wem für wie bedeutungsvoll gehalten wird, hängt zum Großteil von kunstfremden Aspekten wie Zufall und Durchsetzungsvermögen und Ellenbogenmentalität ab.
Das Herausanalysieren von Qualitätskriterien und das anschließende Herumreiten darauf ist die grundfalsche Herangehensweise an die Kunst. Nicht die Exklusivität des letztlich herzenskalten High-End soll man suchen, sondern alle Aspekte des menschlichen Ausdruckswillens aufmerksam betrachten und wie die bunte Schar seiner Kinderlein gleich lieb haben. Durch diese Erkenntnis übermütig geworden, wühlte ich begeistert in der duftenden Muttererde und gelobte, künftig allen neunmalklugen Unterscheidungen zu entsagen und die Welt und die Kunst als Einheit zu sehen und zu verehren. Beglückt schnupperte ich am mitgebrachten Grenzecho und sog den Duft von Druckerschwärze und Maschinenöl ein. Man muss zu ALLEM ja sagen. Ja, ich will alles umarmen! Ich will diese große, fremde und seltsame Welt – und auch ihren Regierungsbezirk, Gnädige Frau! – das liebliche Ostbelgien in allen Himmelsrichtungen durchwandern und ihm dabei ein Lied singen! Und ja! Ich will das Grenzecho abonnieren und zu allen Chudosnik-Veranstaltungen gehen und auch in die Pfarrbibliothek. Wild raste mein Herz und ja ich sagte ja ich will. Ja.
Gabor Baksay










