Hamletschmiere

Die Hamletmaschine ist eigentlich ein ganz ordentliches Stück und Dimiter Gottscheff ein wichtiger Müller-Exeget. Wieso verkommt dann beides zusammen zu einer eitelkeitsdurchseuchten Künstlerschmiere? Weil, wie meistens in solchen Fällen, die Didaktik über die Eingebung obsiegt und Herr Gotscheff nicht davon ablässt, beweisen zu wollen, was er mit seinen 66 Jahren noch für ein kluges, hübsches Kerlchen ist.

Gotscheff

Expressier dich oder ich fress dich. Dimiter Gotscheff gibt alles // Foto: Iko Freese

Dem “Deutschen Theater” in Berlin wird immer wieder gerne nachgesagt, dass es die Nachfolge der an unerklärlichem Altersstarrsin laborierenden Volksbühne übernommen habe. (Tatsächlich tut dies aber mit stetig wachsender Qualität das Hebbel am Ufer.) Dimiter Gotscheff wird nachgesagt, dass er durch einen 1983 an ihn gerichteten Brief von Heiner Müller, zu dessen Meisterexegeten wurde. Seitdem fühlt Gotscheff immer wieder Müllers Texte in seinen eigenen “Gedärmen” rumoren. So inszeniert Gotscheff die fünf Szenen des Stücks mit starrem Blick auf sich selbst. Gotscheff hätte sich einen Gefallen getan, einen Regisseur als Kontrollinstanz seiner darstellerischen “Einfälle” einzubauen. So manövriert es sich in Eigenregie in Gefilde der “Ausdruckskraft” die man nur mit vorgehaltener Hand ertragen kann.Es beginnt damit, dass fünf Minuten lang Gottscheff (wer sonst) rauchend die Bühne auf und ab schreitet. Dabei trägt er einen schäbigen Anzug, seine weiße Künstlermähne und keine Socken zum Anzug. Man kann sich das lebhaft ausmalen, wie Gotscheff in seinem Poetenzimmer mit seiner eigenen Anmutung ringt. Vermutlich ist das derartig gelaufen: “Zuerst einmal werde ich das Publikum an den Haaren zu den Untiefen Müllers ziehen. Ja rauchen, ich muss rauchen. Die existenzielle Schäbigkeit meiner Gewandung unterstreiche ich damit, keine Socken zu tragen. Wenn ich dann zu sprechen beginne, wird das wie ein Faustschlag ins Parket sein!” usw., usw.In ihrer durchaus wohl gemeinten Kritik schreibt Eva Behrendt: “Trotzdem hüpft und tänzelt er [Gotscheff], deklamiert und flüstert mit immer noch starkem Akzent, krümmt und windet sich, bis Schweißflecken sich auf seinem Hemd abzeichnen und der Speichel Schaum in den Mundwinkeln schlägt.” Diese ekelhafte Selbstbepinselung eines von sich eingenommenen “Müller-Exegeten”, wird, Gott sei dank, gelegentlich von zwei anderen Dartsellern unterbrochen, die wenigstens halbwegs wissen, wie man sich zu benehmen hat.Bei all der im Existenziellen Dreck wühlenden Aufgeblasenheit kommen einem sogar erste Zweifel über die Qualität von Müllers bekanntestem Stück. Den durchaus ernst und gesellschaftskritisch gemeinten Ausruf: “Heil COCA COLA!” hat man in den anderen Aufführungen gnädig überhört. Hier stellt sich die Frage, ob Herr Müller nicht, natürlich nur das Beste wollend, etwas zu grob gedrechselte Pfeile abschießt. Auch seinen post-expressionistisch entfesselten Verzweiflungsschrei: “Ich ersticke die Welt, die ich geboren habe, zwischen meinen Schenkeln”, hat man bei schon mal besser Artaud besser und vor allem früher gehört.Kleiner Lichtblick: Valery Tscheplanowa als Ophelia, drischt ihren Abschlussmonolog auf ein in unerreichbarer Höhe platziertes Mikro ein und erzeugt dabei, den Hals bedenklich ins Ungesunde verrenkend, Theatergänsehaut, um das aber gleich wieder ungeschehen zu machen und das Publikum mit dem manierierten Schrei: “Im Namen der Opfer!” in die Ratlosigkeit zu entlassen.Gabor Baksay

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