Seit der Inszenierung „Lieber nicht“ von Christoph Marthaler steht Hermann Melvilles Epochenfigur „Bartleby“ im Zentrum des Diskurses. Durchaus wesensverwandt mit dem zeitgleich entstandenen Gutsbesitzer „Oblomow“, ist dieser Lohnbuchhalter Bartleby ein Großmeister des Verschwindens. Auf sämtliche ihm angetragenen Aufgaben antwortet er höflich, aber mit wachsender Bestimmtheit: „I would prefer not to …“
Eine ähnliche Strategie verfolgt der Düsseldorfer Künstler Hans-Peter Feldmann mit seiner Totalverweigerung, auch nur der kleinsten Erwartungshaltung an einen professionellen Künstler zu entsprechen. Er signiert nicht, er klaut seine Bilder, wie es ihm gerade gefällt. Er weigert sich, limitierte Editionen anzufertigen, gibt kaum Interviews, erscheint nicht auf seinen Vernissagen. Trotzdem konnte er nicht verhindern, nachdem er jahrzehntelang nur als Geheimtipp existierte, zwischenzeitlich in die internationale Kunstoberliga aufzusteigen. Die Ausstellung in der Düsseldorfer Kunsthalle ist die längst überfällige Retrospektive des Künstlers in seiner Heimatstadt. Ähnlich wie im Fall Bartleby stürzt sich die Rezeption auch bei Feldmann dankbar auf die humoristischen Aspekte des Künstlers. Das Kunstforum konstatiert gleich zwei mal „augenzwinkernde“ Qualitäten in Feldmanns Oevre. Die FAZ ist vom „spitzbübischen Schmunzeln“ des Künstlers angetan, lobt dessen „skurrilen, eigenwilligen Humor“ und „Sinn fürs Kuriose“. Zusammengenommen ergibt das den Supersatz: „Spitzbübisch schmunzelnd betrachtet der Künstler augenzwinkernd die skurrilen Kuriosa dieser Welt.“ So gemütlich rheinländisch kommt man bei einem künstlerischen Schwergewicht wie Feldmann nicht davon. Dessen Arbeiten sind wirklich ganz lustig, aber in erster Linie sind sie erst mal nichts. Feldmanns eigenschaftsloser Schnappschüsse des bereits tausend mal Gesehenen, sind aufgehäuft zu babylonischen Bibliotheken, in ihrer manischen Sammelleidenschaft ebenso ausufernd, wie anonym. Fotos macht Feldmann nur in Ausnahmefällen selbst. Lieber klaut („borgt“) er sie aus Gärtnereizeitschriften oder Werbebeilagen, schneidet sie aus und klebt sie in Heftchen ein. Diese lässt er seit den sechziger Jahren im Offsetdruck produzieren. Im Gegensatz zur sexy aufpolierten Oberfläche der Pop Art, sind die Feldmannschen Fundstücke aus der Waren- und Bilderwelt in ihrer kaum überbietbaren Beiläufigkeit geradezu schäbig, manchmal regelrecht spießig (die Lokomotivenaufnahmen, .B.) mit dem modrig, süßen Pfeifenaroma des familienväterlichen Hobbtyrannen behaftet. Feldmann kühlt den begehrlich, notgeilen Warenfetischismus Warhols herunter, auf die behaglicheren Temperaturen penibel aufgereihter Objekte in sorgfältig beschrifteten Sammlungen. Was aber keinesfalls heißt, dass dadurch die Suggestivkraft der Dingwelt weniger obsessiv wäre. Unter der Oberfläche der Feldmannschen Bilderwelt kocht und brodelt dieselbe unerlöste Begehrlichkeit wie bei Warhol, nur eben weniger New Yorkisch urban, mehr provinziell und deutsch.
Feldmann ist ein rheinischer Fetischist. Das nicht nur in kulturkompatibel metaphorischem Sinn, sondern auch ganz buchstäblich und direkt. Den begehrlichen Blick auf die Frauenschuhe teilt er mit Tarantino und demonstriert das auch ganz unbekümmert in dem üppig bestückten Schuhregal, das in Düsseldorf zu sehen ist. Von seinen Spanneraufnahmen gehören die „Studien“ von einigen Dutzend Frauenknien zu den bekanntesten.
Die mehr oder weniger zufällig in einem Laden zusammengekauften „Kunst“objekte gleichen der Beliebigkeit fetischistischer Objektbeziehungen bei Naturvölkern, die, damals wie heute, aus merkantiler Perspektive einen tauschökonomischen Skandal darstellen. Es beruht aber auf einer alten ethnographischen Verkennung, dass die „Wilden“ wertvollen „Krimskrams“ hoch schätzen würden, während sie die „wirklich“ wertvollen Dinge gering schätzen. Im Wertesystem der „Primitiven“ ist es einfach nur ehr- und charakterlos, die Dingwelt auf ihren Tauschwert zu reduzieren. Statt dessen befinden sie sich in einem genau artikulierten, ständigen Palaver mit den Dingen, die wir seit der Aufklärung aus schnöder Machtpolitik distanziert und zurückgestellt haben, wo sie hin gehören: in die Ketten einer Kausalität, die nichts sagt und nichts bedeutet. “Nicht Gott ist tot“, dementiert Erhard Kästner Nietzsches Aphorismus, „sondern die Dinge. Wir waren es, die sie erforschten, erwürgten, umbrachten.“ („Aufstand der Dinge“)
Der interessierte Kunsthallenbesucher steht nun folgender Aufgabe: er muss sich, sagen wir, fünfzehn Minuten lang, (bequeme Haltung ist dabei durchaus erlaubt), eines der großformatig abgezogenen Fotos einer Brotscheibe ansehen. Nachdem er sich durch ihre anfangs angenommene Banalität hindurchgesehen hat, fühlt er sich unweigerlich in eine labyrinthische Dingwelt eingesogen, die ihn tief in die verbotenen Zonen eines „wahren, inneren Afrika“ (Jean Paul) führt. Dann fällt es ihm wie Schuppen von den Augen: Feldmann wollte mit diesen Brotscheiben auf etwas ganz bestimmtes hinweisen – ihre Würde. Nichts ist falscher als die These von der Entzauberung der Welt. Die Wissenschaft als Hauptagentin der Entzauberung, bietet mit ihren Grundprinzipien der Mess- und Wiederholbarkeit lediglich einen ungalanten, etwas vulgären Blick auf den statistisch kleinsten gemeinsamen Nenner der Dinge. Vornehmere Sichtweisen, wie z.B., die eines korrekt ausgebildeten Medizinmanns, werden von vornherein disqualifiziert. Wenn man aber vom reinen Tauschwert der Dinge absieht und mehr ihre energetische Qualität als libidonös aufgeladenen Krimskrams bewertet – was einem Feldmann ja ständig vorexerziert – bekommt die Dingwelt ganz neue, verwirrende Qualitäten. „Es gilt zu verstehen, dass die Dinge uns haben und nicht wir die Dinge. Dass die Sprache uns hat und nicht wir die Sprache.“ Bruno Latour spricht nicht als esoterischer Märchenonkel, der animistische Kulturen nostalgisch verbrämt – er spricht als Soziologe und Wissenschaftsforscher aus dem Zentrum der wissenschaftlich-technischen Welt. „Wir sind nie modern gewesen.“ Die Frage ist also nicht, ob wir nach dem Scheitern der Aufklärung, zum Voodoo zurückkehren wollen, sondern zu welchem Voodoo? Auf jeden Fall zu einem, der die Erungenschaften der Aufklärung nicht annulliert, sondern dialektisch aufhebt. Dann darf man ruhig, zumindest probeweise die Frage zu stellen, ob es nicht die Papierschnipsel sind, die sich Hans-Peter Feldmanns bedienen, um in ein Buch eingeklebt zu werden. In Abwandlung zu Polke hieße es dann: „Papierschnipsel befahlen, rechts oben einkleben.“
Tatsache ist jedenfalls, dass Feldmann von seinen Sammelobjekten besessen ist. Nicht ohne Bewunderung erwähnt er einen Amerikaner, „der sammelt nur Sammlungen.“ Die Gier nach Vereinnahmung aller nur erreichbaren Fetische bildet die Grundlage der Tendenz zur Reihenbildung und Sammlung. „Der im Gehirn tief verwurzelte „phobische Reflex“ auf alles, was sich unabhängig vom Ich bewegt, bildet mittels heilig schmutziger Fetischobjekte, gegenüber dem Angstobjekt eine klar umrissene Lokalisierung von Kraft im überwältigend chaotischen Reizfeld der Sinneseindrücke.“(Hartmut Böhme „Fetischismus und Kultur“) Ein hervorragendes Mittel zur Angstabfuhr bietet das manische Einkleben von Sammelbildchen in ein Album. Genauso hilfreich ist die „augenzwinkernde Produktion spitzbübischer Kunstobjekte“ – oder warum nicht gleich Nägel mit Köpfen machen? – ein handfester Schuhfetischismus, der den großen Vorteil bietet, die biologisch originäre Form der Angstabarbeitung, den sexuellen Verkehr, an ein Ding zu binden und so ständig verfügbar zu haben.
Hans-Peter Feldmann ist also alles andere als ein skurriler Kunst-Millowitsch, vielmehr ist er ein hochkarätiger letzte-Fragen-Steller, ein Kunstumwälzer und aufgeklärter Kritiker der Aufklärung. Würde man ihn aber bitten, sich diese Ehrenbezeichnungen an die Brust zu heften, wäre seine Antwort zweifellos: „I would prefer not to…“
Gabor Baksay
Hans-Peter Feldmann — „Kunstausstellung“ Kunsthalle, Düsseldorf, 19. Juni – 22. August 2010
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