Posted am 18.05.2009, 15:44 in Heimatkunde, Home, Allgemein von Gabor

Emotionale Hüllen für die post-neolithische Revolution

venus

Leider nicht aus Aachen:  6 cm kleine, dicke Frauen aus Elfenbein

Unter dem Lousberg die Akropolis? Könnte man annehmen, ginge es zumindest nach den Verkündungen eingefleischter Lokalpatrioten

„Die Handtasche muss lebendig sein“, forderte einst Aachens leider-nicht-next-Top-OB Bruce Darnell. Tja, warum soll dann eine „geflochtene Stahlkonstruktion mit einem entspiegeltem Glasmantel“ nicht auch Gefühle haben können? Eine „emotionale Hülle“ sei, laut Presse-Info, die „Archäologische Vitrine“, also der käfigartige Pavillon, den die Aachener Architekten Kada Wittfeld für 400.000 Euro rund um Teile der Ausgrabungen im Elisengarten bauen. Und die Aachener „Stadtseiten“ zitieren dazu den OB:„Wenn mir vor 5 Jahren jemand gesagt hätte, wir könnten im Elisengarten 5000 Jahre Aachener Geschichte dokumentieren, nachdem wir zum Teil die Aachener Geschichte neu schreiben mussten, dann hätte ich ihn ausgelacht. So etwas kann keine andere Stadt in Europa zeigen.“
Drama, Baby, aber ist das der Wahrheit? Bisher stritten Cadiz, Argos, Nessebar, Trier, Belgrad u.v.m. um den Titel der ältesten Stadt Europas. Und wenn man nur mal Argos sieht – Junge, da sieht Aachen aber nicht so richtig alt aus gegen. Auch in Trier sieht man mehr Archäologie als in Aachen. Und jetzt hat Aachen alle Mitbewerber überholt?
Markus Pavlovic, archäologischer M.A. und Mitarbeiter des Aachener Stadtarchäologen Andreas Schaub, hält bei unserer Anfrage den Ball angenehm flach. Das Besondere sei zunächst die Aufdeckung einer so großen Fläche im innersten Kernbereich der Stadt. Gewöhnlich sind innerstädtische Ausgrabungen im Rahmen von Bauvorbereitungen zeitlich und räumlich eng begrenzt. Im Elisengarten aber habe man sogar ausgiebig mit Feinwerkzeug arbeiten können. „Mit spektakulären Ergebnissen“, für die Wissenschaft: Funde/Befunde seit der Steinzeit. Eine Lücke bis zur Zeitenwende, doch spätestens mit Beginn der römischen Kaiserzeit lasse sich eine kontinuierliche Besiedlung des Areals vermuten.

Das klingt ja nüchtern und vernünftig. Auf der schwäbischen Alb drehen die Archäologen hingegen lokalpatriotisch seit einigen Jahren richtig durch. Immer wieder teilen dort Wissenschaftler - im Scherz? – der Welt mit, dass sie den Ursprung der Menschheitskultur in den Eiszeithöhlen ihrer Gegend vermuten. Ihr Fund eines Mammutfigürchens und diverser Flöten inspirierte schon 2007 den „Spiegel“ in einer Titelstory zu der Behauptung, die Kunst sei in Deutschland erfunden worden: Mona Lisa, Sphinx, Mickymaus, Documenta-Giraffe – alle stammten letztlich von dem ab, was vor 35000 Jahren auf der Alb geschaffen wurde, auch Beethoven und Mahler hätten dort ihre Wurzeln.
Jetzt wurde dort die angeblich bislang älteste Menschenfigur gefunden, eine 6 cm kleine, dicke Henry-Moore-Frau aus Mammut-Elfenbein, die „nach heutigen Maßstäben an Pornografie grenzt“. Nichtsdestotrotz hält es ihr Entdecker, der Archäologe Nicolas Conard,  weiterhin „durchaus für möglich, dass die Schwaben das erste Kulturvolk der Welt waren und sowohl Musik als auch figürliche Kunst erfunden haben. Womöglich sogar die Religion.“ Aber waren das nicht die Finnen? Oder, halt, die Schweizer? Und wer erfand den Fußball, wenn nicht Aachen?
Silvia Szymanski


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