Herr van den Mullen, denunziert von Boere, verstarb im KZ
„Es war das nationalsozialistische Fernziel, gewachsene soziale und religiöse Zusammenhänge zu zerstören, um die Verfügung über die dem Terror isoliert ausgelieferten Menschen zu gewinnen. Das Gute im Menschen auszumerzen, die Fähigkeit zu Mitgefühl und Solidarität. Und die vereinzelten Menschen als verflüssigtes und homogenes Material für die nationalsozialistische Gestaltung des Großraums Europa zuzurichten, niedrige Instinkte zu wecken und in die Kollaboration einzuladen“, sagt Detlef Hartmann. Bei den niederländischen Fluchthelfern aber sind die Nazis damit gescheitert.
Die Anwälte der Nachkommen von Opfern Boeres und ihre Helfer haben in Maastrichter Archiven recherchiert, dass Boere das Gericht belogen hat. Anders als im aktuellen Prozess hat er 1946 bei einer Vernehmung ausgesagt, dass er sich schon 1943 als Sympathisant in die Nationaal-Socialistische Beweging (NSB) eintragen lassen habe und im März 1944 in den Dienst der germanischen SS getreten sei. Er und seine Kumpanen, so gab Boere damals zu, schleusten sich in das niederländische Fluchthilfe-Netzwerk ein und gaben sich als hilfsbedürftig aus. Wenig später kamen sie in Naziuniformen wieder und lieferten ihre Helfer ans Messer. 52 Personen wurden daraufhin im Mai 1944 in Helden Panningen festgenommen, mindestens 7 von ihnen starben später infolge ihrer KZ-Aufenthalte. Boere bekam 75 Gulden für seine Denunziation des Herrn Oberwachtmeister van der Mullen sowie eine Beförderung zum Oberscharführer nach dem Mord an Herrn Bicknese.
Die Aachener Staatsanwaltschaft findet diese Ermittlungen, die auch ihr möglich gewesen wären, für diesen Prozess irrelevant. Für Detlef Hartmann und Wolfgang Heiermann, Anwälte der Nebenklage, aber sind sie ein Beweis, dass Boere sich als überzeugter Nazi-Täter nicht im „Befehlsnotstand“ befand; sie haben nun eine neue Strafanzeige wegen 7-fachen Mordes gegen ihn erstattet.
Dieses niederländische Fluchthilfe-Netzwerk von damals geht zu Herzen. Obwohl sie wussten, dass unter den Flüchtlingen auch Nazispitzel waren, besorgten Bauern Lebensmittel oder Gutscheine für die Untergetauchten – für entflohene Zwangsarbeiter, Juden, notgelandete alliierte Piloten und viele mehr. Bürgermeister, Pfarrer und Kapläne halfen, Dorfpolizisten fälschten Ausweise; 30 Prozent der in Limburg ansässigen Juden wurden so gerettet. Doch noch einen Monat vor der Befreiung ihrer Heimat im November 1944 wurden 3000 Niederländer mit Pferden und Vieh deportiert, viele in das berüchtigte Stahlwerk Salzgitter, 200 von ihnen starben. Über 40.000 niederländische Zwangsarbeiter starben insgesamt in den „Arbeitserziehungslagern“ der Nazis.
Silvia Szymanski










