
Wer ist die Schönste im Murakami Land? von links: Hyun Wanner, Elke Borkenstein, Joey Zimmerman, unten: Anne Wuchold
Monika Gintersdorfers ungewöhnlicher Murakami-Abend, AFTERDARK, oszilliert zwischen urbaner Nacht, Jazz, ewig währendem Schönheitsschlaf und wunderschöner Körperarbeit.
Zu Beginn verbeugt sich Joey Zimmermann wie eine Maschine geschätzte 20 mal vor seinem Publikum. Dass er dabei jedes mal einen kaum hörbaren aber dennoch männlichen Atemstoß abgibt, zeigt schon ganz zu Anfang, wie präzise und detailgenau hier gearbeitet wird. Ohne besagten Atemstoß, wäre die Aktion lediglich eine alberne Japan-Parodie, so aber saugt sie einen mit konzentrierter Kraft in ein Universum der Nacht, des Schlafs und der desolaten Schönheit ein.
Es geht um Japan. Es geht um Demut. Sich verbergen, sich zeigen. Es geht um die Tragödie einer Schönheit die den Körper beschädigt, die ihm das Unmögliche abverlangt und zum Invaliden macht. Außerdem geht es um eine Frau, die zu nachtschlafener Zeit in einem Diner Kaffe trinkt und liest und wieder Kaffe trinkt und liest, um dann wie von Furien gejagt, in aberwitzigem Tempo Kaffee zu trinken und zu lesen. Ein Mann befragt sie nach ihrer schönen Schwester. Diese Schwester, Eri, ist so schön, dass niemand, ganz besonders sie selbst nicht, die Strahlkraft dieser Schönheit ertragen kann. Deshalb fällt sie in einen märchenhaften Tiefschlaf, in den sie bereits seit Monaten versunken ist. Nur einmal wacht sie kurz auf, in einem fremden Zimmer (ihrem Zimmer). Sie versucht, im Spiegel etwas anderes zu sehen als ihr Gesicht, gerät in Panik, redet mit ihrem Fußboden, bzw., der Fußboden redet mit ihr und entschwindet sterbenstraurig wieder in ihr traurigdunkles Traumreich.
Wir sehen also: eine aussagekräftige Handlung ist definitiv nicht das, worum es hier geht. Stattdessen werden sorgfältig, behutsame Stimmungs- und Seelenzustände ausgelotet. Die Regisseurin, Monika Gintersdorfer, denkt nicht im Traum daran, Haruki Murakamis Roman „Afterdark“ irgendwie bühnentauglich zu adaptieren. Stattdessen zeigt sie Murakami-Fragmente. Das Fragmentarische an diesem in mysteriöser Schwebe gehaltenen Abend ist keine Beschränkung, sondern bietet, im Gegenteil, die Freiheit, den despotischen Faden des Narrativen links liegen zu lassen und schwerelos erotisiert, wie Zimmermans Atemstöße, durch die Gefilde der literarische Vorlage zu schweben, wie es der Gintersdorferischen Traumarbeit gerade gefällt.
Wer es noch nicht bemerkt haben sollte: wir befinden uns mitten in einer – oho! – Avantgarde-Inszenierung. Aber das ist keineswegs anstrengend (es sei denn, man findet es anstrengend, jemanden fünf Minuten lang zu betrachten, der einen hängengebliebenen Plattenspielers imitiert). Statt intellektueller Mühsal erleben wir den Balsam absoluter Stille (es geht schließlich um Japan) und die Schönheit von Worten, die sich gestatten, aus tänzerischer Körperbewegung, in aller Ruhe in den Raum zu erblühen.
Dass die Inszenierung, wie aus einem Theaterworkshop zu kommen scheint, tut der poetischen Ambivalenz dieser Vorgehensweise keinerlei Abbruch.Die Schauspieler treten vor, machen ihr Solo und setzen sich wieder. Oft sagen sie, was wir sehen bzw. gleich sehen werden.: „Wir zeigen sanfte Anmut mit unseren Händen“, „Es geht um stille Glut. In sich gekehrte Leidenschaft.“Der Schauspieler Joey Zimmerman sagt: „Ich versuche den Schlaf in eine Bewegung zu bringen, die weich ist“, um darauf hin eine wie gemalt schöne, schlangengleiche Schraubenbewegung darzubieten, nur um diese anschließend noch mit der Ankündigung zu übertreffen „Ich versuche es mal mehr flüssiger und in den Raum hinein.“ Zimmermann gibt hier die beste Performance seiner Aachen-Ära, muss sich aber eins sagen lassen: Warum ist bei der wichtigen, todernsten Szene, in der sich alle vier Darsteller in aberwitzige Schönheitsposen werfen, Zimmermann der einzige, der sich ein pennälerhaftes Grinsen herausnimmt? Was ist daran lustig, Herr Zimmermann, wenn sich verletzliche, der Vergänglichkeit ausgelieferte Körper, die von ihrer individuellen Biographie bereits zu Lebzeiten beschädigt oder gar ruiniert sind, für einige Sekunden in ihre sagenhafte, nur gerüchteweise existierende, im Grunde aber nie da gewesene Schönheit zurück träumen? Klar, das sieht peinlich aus und ist dadurch auch automatisch lustig aber muss es wirklich extra noch zeigen und parodistisch werden?
Ansonsten ist Zimmermann an diesem Abend aber das allererstaunlichste Theatertier. Nicht nur wegen der 26 Liegestütze mit denen er wie ein Wahnsinniger durch den Mörgensraum und dessen Treppen hinunter, direkt auf die höheren Schausspielerweihen eines, meinetwegen, Marthaler-Ensembles zusteuernd.
Aber das ganze Ensemble ist wie aus einem Guss und schlicht umwerfend. Besonders die Neuzugänge Elke Borkenstein und Hyun Wanner beeindrucken durch professionele Vielseitigkeit. Borkenstein pflegt eine unglamouröse, Spielkultur die nicht auf „Ausdruck“ aus ist, sondern auf Detailgenauigkeit. Von ihr stammt der durchgeknallte Kaffeetrinkexzess des Anfangs und der ebenfalls erwähnte Plattenspieler-Hänger. In den aus dem Loop erwachsenden Beat zwängt sie komisch und hörenswert ihren aus ganz normaler Umgangssprache bestehenden Text. Das macht sie nicht irgendwie so lala, wie die später hinzustoßende Anne Wuchold, sondern mit der Präzision eines jede seiner Silben auf die Goldwaage legenden MC. Hinreißend auch ihre feitstanzartig Zuckungen zu einem gesprochenen Monolog über Jazz und Coltrane. Das knallt mit der illusionlosen Coolness einer Table-Dancerin auf Crack.
Der Ernst-Busch-Absolvent Hyun Wanner gibt die Eri in ihren Schöhnheitsspasmen mit todernster Selbstverliebtheit ohne den geringsten Versuch, witzig zu sein. Es ist herzzerreißend, wie er diesen Eri-Körper als tragischer Homunculus des japanischen Schöheitsideals über die Bretter schleppt. Natürlich hilft es dabei, dass Wanner, an einen germanisierten Sammy Frey erinnernd, ein blendend aussehendes Mannsbild abgibt, mit dem wir bestimmt noch sehr viel Spaß kriegen werden.
Gabor Baksay
Theater Aachen – MörgensInszenierung Monika Gintersdorfer | Bühne Dominic Huber, blendwerkTermine im Dezember: 14. | 19., jeweils 20.0 Uhr










