Interview mit Gregor Jansen

Ein Mann an seinem Arbeitsplatz: Der neue Direktor Gregor Jansen in der Kunsthalle

Gregor Jansen promovierte 1991 in Aachen. Er war beim Kunstverein „Mehrwert“ aktiv und Dozent an der FH für Gestaltung. Jansen kuratierte im NAK und im Ludwig Forum. 2005 wurde Jansen Leiter des Museums für Neue Kunst im renommierten ZKM in Karlsruhe. Im selben Jahr reiste er nach China, um das Projekt und die Ausstellung „beijing case“ zu kuratieren und profilierte sich in der Folgezeit immer mehr als Experte für die Gegenwartskunst Chinas.
Seit Januar 2010 ist Gregor Jansen Direktor der Kunsthalle in Düsseldorf. Seine erste eigene Ausstellung ist eine große Retrospektive von Hans-Peter Feldmann.

Gabor Baksay traf ihn zum Gespräch im Zug nach Düsseldorf.

Du hast dich in den letzten Jahren in zwei unterschiedlichen Schwerpunkten profiliert: Neue Medien und die zeitgenössische Kunst Chinas. Welches ist der wichtigere?
Die Malerei. (lacht)
Was kann Malerei, was Medienkunst nicht kann?
Sie kann z.B. wahrnehmbar sein, wenn man gerade keine Steckdose zur Hand hat. Natürlich schätze ich, als jemand der mit Bill Viola, Jeffrey Shaw oder Jeff Wall aufgewachsen ist, Medienkunst als eine Erweiterung und rasante Beschleunigung der traditionellen Möglichkeiten der Kunstproduktion. Weshalb ich letztlich die Malerei vorziehe, liegt daran, dass Medienkunst mit ihrem technischen Überwältigungsapparat oft irgendwie tricky erscheint. Wie die Tricks eines Zauberkünstlers, der mit viel Brimborium eine Frau zersägt und das geschickt als Magie verkauft. So an der Nase herum geführt wird man in der Malerei nicht. Dort kann ich auch jemanden zersägen, aber der Betrachter weiß immer, das ist nicht echt, sondern Malerei.
Und wenn David Hockney auf seinem iPhone malt, ist das dann Malerei oder Medienkunst?
Malerei. Das technische Hilfsmittel ist nur Spielerei und nebensächlich, so empfinde ich es. Für mich persönlich bleibt die Malerei der Königsweg.
Aber trotzdem kann natürlich auch die Medienkunst faszinierende Räume eröffnen. Markus Huemer z.B. hat einmal das reine Eingangssignal eines Beamers auf eine Plexiglasscheibe projiziert, das war einfach nur ein Blau. Eine solche Medienkunst finde ich wunderschön, sie erscheint mir wie die Elementarform der Blauen Blume der Romantik, die zu Ives Klein, Malewitsch oder zu elementaren Zonen der Wahrnehmung führt.
Übrigens habe ich im ZKM ja das Museum für Neue Kunst geleitet, welches nicht so stark auf die Neuen Medien ausgerichtet ist, sondern auf moderne Kunst im Allgemeinen. Gerade ist die von mir noch mitkuratierte Ausstellung zur Videosammlung Goetz dort, und dieser Link zwischen Kino, also Film und Kunst war mir immer wichtig.
In welcher Richtung denn? Von Kunst inspirierte Filme oder umgekehrt?

Umgekehrt. Film schafft automatisch, aus seinen formalen Bedingungen heraus, tiefenpsychologische Bezüge. Direkter und körperlicher als Malerei, Grafik oder Fotografie. Die interessante Fragestellung für mich ist: Wie übertrage ich die Traumzeit des Films in die Statik der Bildenden Kunst? Eine Kunstausstellung wird vom Bewusstsein in der Außenwelt verortet, Film findet aber ganz stark in einem selbst statt. Das war schon immer meine tiefenpsychologische Schnittstelle zur Medientheorie und Lacan. Damit habe ich in meinen Kunstseminaren immer versucht, die Studenten zu packen: Die Welt, die Kunst, ist eigentlich schon da, ihr müsst gar nicht so viel tun, sondern seid wach und versucht, den Vorhang, wie er z.B. bei David Lynch immer vorkommt, zur Seite zu ziehen. Einmal hatten wir mit den FH-Studenten im „Mehrwert“-Büro drei Tage und Nächte lang sämtliche Twin Peaks-Folgen angesehen. Das war für alle Beteiligten ein höchst ergiebiger Theoriemarathon.
Was wurde dabei klar?

Schon der Twin-Peaks Vorspann ist ja ein überbordendes Angebot ikonographischer Bezüge. Wenn der Vogel erscheint und die Säge dann, wie ein mechanisches Ballett, immer wieder in den Baum fährt, ist es offensichtlich nicht nur Holz, das da zerschnitten wird. Eine Fernsehserie an sich bedeutet ja schon das Zerschneiden eines Handlungsstranges. Es gibt, wie immer bei Lynch, zahllose weitere, in Untiefen des Bewusstseins führende Bedeutungsebenen. Der Schnitt ins Holz wird zum existenziellen „Riss“. Dieser Riss ist ein Begriff von Georges Didi-Hubermann und meint einen Schnitt durch den Wahrnehmungsapparat, das „Fleisch“ des Subjekts. Das Fleisch kann aber auch – und das fand ich an dem Begriff immer so inspirierend – die Kinoleinwand oder eben die Leinwand der Malerei sein. Die konstruierte Wirklichkeit herkömmlicher Sehgewohnheiten wird aufgerissen und das Nicht-Begreifbare eines Bildes wird sichtbar, vorstellbar wie bei Lucio Fontana. Darin ist David Lynch ein Meister und legt so bereits im Vorspann alle Wunden offen.
Der Riss bedeutet einen existenziellen Einbruch, der zu akzeptieren ist. Nur dann kann man Spaß haben am Elend der Erkenntnis.
as klingt dramatisch. Worin besteht das Elend der Erkenntnis?

Denken macht traurig. Erkenntnis ist ja auch nur ein Anschein, eine Vorspiegelung unvollständiger Glaubens-Modelle. Wir können noch so genau wissen, dass z.B. die Erde um die Sonne kreist und auf Grund welcher Gesetzmäßigkeiten sie das tut – was weiß ich am Ende? Die Suche nach Wahrheit wird, laut Georg Steiner, nicht durch Erkenntnis belohnt, sondern steht im Widerspruch mit der Sprache, den Bildern, den Modellen …
Aber was ist denn dann die Lust am Elend der Erkenntnis?

Wenn man das Scheitern von vornherein in das Streben nach Erkenntnis einbezieht, wie z.B. Schlingensief: „Scheitern als Chance“ oder Denken als Sport, dann wird Denken, Wahrnehmen und Erkennen zur Lust. Das ist wie bei mir die Lust, auf Berge zu steigen. Während ich das tue, fühle ich mich bisweilen als Idiot und denke, „Warum machst du das? Du könntest doch jetzt schön unten bei einem Radler sitzen?“ Wenn ich aber nach erfolgreicher Tour dann wirklich unten sitze, plane ich schon den nächsten Tag, die nächste Herausforderung mit wieder demselben Elend. (schmunzelt)
Camus hat wahrscheinlich recht: Man muss sich Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen.
Und als kreativen. Der Wunsch nach Verwirklichung des Schöpferischen ist für mich der entscheidende Antrieb aktiv zu werden und nicht, irgend etwas zu beweisen. Ich stehe nicht für ein Konzept oder eine bestimmte Richtung, sondern für eine Lust am Denken, die Neugierde Kunst zu entdecken und Ausstellungen zu machen.
Wirklich keine „Botschaft?“

Nein, ich glaube nicht an die Aufklärung. Ich glaube, das Prinzip der Moderne, als 200-jähriger verlängerter Arm der Aufklärung, ist Blendwerk. Natürlich schätze ich die Aufklärung als einen Moment der Befreiung, die den Menschen aus den autoritären Fesseln von Kirche, Staat und von seinen symbolischen Ordnungen befreit hat. Aber der damit einhergehende Sinnverlust ist überaus schmerzhaft. Am Ende stehe ich als postmodernes, aufgeklärtes und entwurzeltes Individuum da und kann mich eigentlich gleich beseitigen.
Du willst aber nicht zurück zum Voodoo?

Nein, null. Den Sinnverlust muss man aushalten lernen. In diesem Sinne sind meine Aktivitäten auch eine Form der Selbsttherapie, ähnlich wie Hans-Peter Feldmann es an sich selbst beschreibt.
Therapie von der Aufklärung?
„Willkommen in der Wüste des Realen“ heißt es so schön im Film „Matrix“. Das ist doch die schönste Szene, als sich Neo zwischen diesen beiden Pillen entscheiden muss. Er wählt die Aufklärung und landet im totalen Grauen. In unserer realen Welt sind auch die menschlichen Beziehungen durch Entfremdung und den Verlust aller symbolischen Ordnungen ruiniert. In das Auge deines Gegenübers zu blicken, zeigt mit Hegel die Nacht der Welt. Durch Leute wie Damien Hirst haben wir womöglich auch das Vertrauen in die Kunstwelt verloren. Wenn der mit Erfolg beschließen kann, das teuerste Kunstwerk der Welt zu produzieren und den Kunstmarkt aushebelt, indem er seine Sammler und Galeristen zwingt, seine Werke zu kaufen, damit sein Markt nicht kollabiert, ist das pervers, aber als brillantes Kalkül gleichzeitig auch der Gipfel der Aufklärung. Das Ende der Utopie ist damit auch bei der Kunst angekommen. Woran soll ich da noch glauben?
An die Vernunft? Dass vernünftige Individuen Regeln entwickeln, um das Leiden an Herrschaftsverhältnissen abzuschaffen oder zumindest zu mildern, und gleichzeitig genügend Freiräume schaffen, um einen kontinuierlichen Strom kreativen Schaffens zu gewährleisten?

Das klingt verdächtig nach Stalinismus (lacht). Nein, ich würde aufhören mich mit Kunst zu beschäftigen, wenn ich an Vernunft glauben würde.
Worin bestehen die therapeutischen Wohltaten der professionellen Beschäftigung mit Kunst?

Im Fall von Hans-Peter Feldmann z.B. ist das die verblüffende Leichtigkeit, mit der er die Schwelle von der Kunst zum Leben überschreitet. Seine fotografierten Brotscheiben erscheinen zuerst als kaum zu überbietende Banalitäten. Als Großformate säuberlich an die Wand gehängt, professionell beleuchtet und in den Kunstkontext gestellt, durchlaufen sie einen Bedeutungswandel. Das geschieht bei Feldmann durchaus naiv, also gar nicht aufklärerisch, oberschlau , sondern schön simpel und im überaus positiven Sinne dumm…
…wie Brot. Lässt sich diese Potenzierung eines vermeintlich banalen Objekts auf das Leben übertragen? Stehst du vor deinem Brotkasten und erfreust dich an der Kunstqualität der Brotscheiben?
Ich kann dummerweise nicht mehr durch die Welt gehen, ohne überall Kunst zu sehen. Überall sind Feldmänner, überall sind Turners, Caspar David Friedrichs, Warhols…
Werden die Alltagsgegenstände dadurch magisch?
So weit wie der Calvinismus, der in jedem Staubkorn Gottes Gegenwart erkennt, würde ich nicht unbedingt gehen. Aber die Richtung stimmt schon, manchmal wird man an etwas Überzeitliches angekoppelt, das durch die Wahrnehmung als Kunst sakrale Formen annimmt und geheimnisvolle Qualitäten bekommt.
Macht sich so eine Kunst, die als Katalysator für einen energetisch aufgeladenen Alltag dient, nicht irgendwann selbst überflüssig?

Nein, dazu ist der Kunsteffekt zu kontextabhängig. Das war schon zu „Mehrwert“-Zeiten die große Diskussion. Man müsste doch Kunst machen können, die keine „Kunst“ ist. Das bedeutete schon damals für mich ein no go: entweder man ist im Kunstsystem und macht dort „Kunst“ oder man ist nicht drin, dann wird es auch nicht als Kunst wahrgenommen, existiert also erstmal so nicht.
Aber macht denn Hans-Peter Feldmann nicht genau das: Kunst die wie Nicht-Kunst aussieht, ohne Aura, ohne echten Urheber und ohne Signatur?
Feldmann übergeht zwar scheinbar eherne Gesetze der Kunstwelt, stellt seine Arbeiten aber in Kunsträumen aus, wodurch sie Kunst werden, bzw. dadurch die Chance haben, Kunst zu werden. Wenn Feldmann denselben Stuhl, den er in der Kunsthalle auf einen Sockel stellt, in der Kneipe um die Ecke aufstellen würde, ist dieser ja nicht mehr Teil seiner „Kunstausstellung“.
Was außer den Brotscheiben schätzt du noch an Feldmanns Kunst?

Was mich an Feldmann am meisten fasziniert, ist sein Beherztheit und seine Leichtigkeit im Umgang mit dem scheinbaren Regelsystem des Kunstbetriebs. Er hinterfragt so ziemlich jede Rollenzuweisung des Systems und stellt sich mit Ende 60 immer noch die elementaren Fragen der Kindheit: Was ist angenehm? Was ist traurig? Was ist das Leben? Und dann hängt da auf einmal diese unglaublich schöne Arbeit „100 Jahre“ in der Kunsthalle und in der Mitte steht noch ein Blumenstrauß. Das ist auf entwaffnende Weise wunderschön und traurig und ganz nah am Eigentlichen des Lebens. Oder die spontane Idee der Blumen und dem Stuhl für seinen Freund Sigmar Polke mit einem Schild seines Geburts- und Todesjahres. Wunderbar! Das macht eben nur Feldmann.
Das Gespräch führte Gabor Baksay

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