Sehnsucht nach Schmutz

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Die Firma Lidl verbirgt ihre Sehnsucht nach wildem Sex mit imperativen Sauberkeitsappellen 

“Sexualität ist Sehnsucht nach Schmutz”, erklärt Franz Kafka völlig korrekt. Wie sehr sich die Macht der Verdrängung auch in die gewerblichen Formen des Warenverkehrs einnistet, zeigt die hier abgebildete Warntafel der Firma Lidl.In einem auch ohne zusätzliche Beschmutzung bereits schäbigen bzw. ekelhaften Gebäude nahe der Aachener Gaststätte “La Bahia”. “Warnung. Jede Beschmutzung des Gebäudes wird sofort zur Anzeige gebracht”, textet die für ihre orgiastischen Selbstbesudelungen berühmte Firma Lidl. Die Prosa in der sie dies tut, ist allerding makellos und bezaubert mit Hemmingwayscher Verdichtung auf das Allernotwendigste. Geschickt steigert sie den Spannungsbogen bis zur atemberaubenden Klimax des Wortes “sofort”.Was den Dichtern der Warntafel aber entgeht, ist die Tatsache, dass ein derart unverhohlen herausgebellter Hinweis auf den eigenen schmierigen Charakter, eine größere Beschmutzung des Gebäudes darstellt, als jede erdenkliche Graffitischmiere. (gb) 

6 Kommentare

1

… bezeichnender finde ich, dass hier das ganze TEAM die Warnung ausspricht.

Oder soll mann das so verstehen, dass Lidl seine TEAMFÄHIGKEIT erst durch GEMEINSAM ausgesprochene Warnungen unter Beweis stellen kann?

Edeltraud

15.07.2008 | 16:33

2

Lidl spricht ja von “unserem” Team, also aus ihrer Sicht meinen sie mit “Ihr” Team uns, die wahlberechtigten Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Womit wieder mal klar ist, dass es in unseren Verantwortungsbereich als wohlbetuchte, des Denkens fähige Citoyens fällt, die repressive Sexualmoral des Kapitals durch aggressive Beschmutzungsverbote in alle Ewigkeit zu perpetuieren . Die Frage ist nur, wann uns also der großen Lidl-Familie, die uns zustehenden Anteile an unserem Lidl-Umsatz ausgezahlt werden?

Gabor Baksay

15.07.2008 | 18:30

3

Das ist ja geradezu beängstigend! Meinen Sie denn, dass diese versteckte Sexualmoral uns alle einholen wird? Obwohl ja die Klarheit eher aus Sicht der Lidl Familie auf uns herabfällt, hat sie doch etwas objektiv bedrohendes! Wann wird es denn so weit sein?

Edeltraud

16.07.2008 | 00:56

4

Die versteckte Sexualmoral gilt ja seit der Post-Oswald-Kolle-Ära als überwunden, hat die Repression aber lediglich in elaborierterer Form weiter geführt. Die Liberalisierung findet lediglich als Scheinfreizügigkeit in Form von Pornographisierung statt und nivelliert die von der Idee her doch eigentlich alles überflutende Triebkraft der Libido zur harmlosen, gemütlichen Vorstellung von “gutem Sex”. So gesehen sind die analsadistischen Ausfälle der Lidl-Familie fast schon wieder fortschrittlich.

Gabor Baksay

16.07.2008 | 11:52

5

potzblitz.
Ob das tatsächlich …., nein, mit Verlaub, das glaub ich nicht. Man kann das nicht so losgelöst didaktisch betrachten, auch wenn es zu dem schöneren Ergebnis führt. Sondern man muss es vor seinem ganz profanen Hintergrund sehen (nein, jetzt nicht DER Hintergrund. Obwohl … es kommt ja auf dem Bild nicht so raus, aber wenn man die Örtlichkeit kennt, weiß man: die vermutlich als “vanillefarben” angestrebte Tongebung stellt sich in ihrer tatsächlichen Ausführung ganz unzweideutig als gallenbürtig dar. Was ja auch wieder tief blicken ließe, wenn man in dem Zustandekommen der Farbe den Widerspruch zwischen Determinismus und Unbestimmtheit des Willens - “Antimonie der Willensfreiheit” - nach kant’scher Auffassung in seiner “Kritik der reinen Vernunft” erkennte. Man schaudert, den
Gedanken weiterzuführen …). Mit profanem Hintergrund meinte ich eigentlich, dass, so wie ich die Örtlichkeit in Erinnerung habe, der dort tatsächlich und in wahrlich erklecklichem Maß (eigentlich Übermaß)auffallende Schmutz sich vor allem in einem manifestiert: nämlich lupenreiner Taubenkacke. Reichlich. Die allerdings, genauer betrachtet, schon fast wieder eine farbliche Harmonie mit dem kotzfarbenen Gebäude eingeht. Was besonders perfide ist, und wenn in diesem Ensemble zentral dann DAS Schild prangt, dann kann ich darin beileibe keinen quasi-fortschrittlichen Zwischenton in den Untiefen der repressiven Sexualmoral erkennen, sondern muss dort ganz im Gegenteil die fast sehnsüchtige Rückbesinnung auf und Manifestation der Geisteshaltung vermuten, die in der restriktiven freudlosen katholischen Sexualethik des frühen Mittelalters die Erfüllung zu finden hofft.
Mich fröstelt.
Weitergedacht bewahrt mich diese Erkenntnis dann allerdings davor, mein Weltbild nun allzusehr hinterfragen zu müssen. puh.

Helga(die)

16.07.2008 | 19:00

6

Danke Helga (die)!, “Taubenkacke” an “kotzfarbenem Gebäude” ist ein schöner Satzbaustein für die nächste Ladenlokalsuchanzeige von Lidl: “Angesehener Lebensmittelkonzern sucht kotzfarbenes Gebäude in mittlerer B-Lage. Eventuelle Verunreinigung mit Taubenkacke erwünscht. Preis egal.”

Gabor Baksay

17.07.2008 | 08:51


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