Das Fachwerkhaus des Herrn. S.: Mahnmahl des ungesühnten Preisrätselverbrechens
Verfügt man über ausreichend Oberschenkelmuskulatur, um die Anhöhen des idyllisch im Rurtalkessel schlummernden Städtchens zu erklimmen, wird man mit einem atemberaubenden Blick über die pittoreske Verwinkeltheit erstklassiger Fachwerkromantik belohnt. Angenehm ist es, ein Eichendorff-Heinrich Heine-Bändchen dabei zu haben, um die Zeitreise in die Welt der Burgfräulein und Bächlein möglichst multimedial zu erleben.Allerdings sollte man sich darauf einstellen, sich von den Wurzeln des Waldes ernähren zu müssen, denn Monschau selbst liegt völlig in der Hand einer Biskinbesessenen Jägerschnitzelmafia. Hierdurch wird dem hungrigen Besucher die Erfahrung geschenkt, niemals einem Esslokal zu trauen, das den Bestandteil „Stübchen“ oder „Mühle“ im Namen führt – es sei denn man unterliegt dem Irrglauben, das Verspeisen von Fleischklopsen, irgendwo in den Untiefen sämiger Sahnesoße untergetaucht, sei erstrebenswert.Überhaupt ist die Stadt aus der Nähe betrachtet für mit Feinsinn begabte Pilger deutlich weniger liebreizend als aus den luftigen Anhöhen des sie umgebenden Waldes. Bis ins letzte Detail ist alles streng darauf ausgerichtet, dem nie abreißenden Touristenstrom von Typ-2-Diabetikern in Himalaya-tauglicher Outdoor-Gewandung die urige Niedlichkeit des Örtchens aufs Brot zu schmieren.Die rustikale Herrlichkeit reicht von der knatschgelb gestrichenen „Stadtbahn“, die im seniorenfreundlichen Schritttempo den sowieso schon stockenden Verkehr endgültig zum Erliegen bringt, bis zu den malerisch ausgebreiteten Bildnissen von Kätzchen, Engelchen und allem, was das Kindchenschema sonst so hergibt – und zwar in allen denkbaren Aggregatzuständen: also gemalt, gehäkelt oder gestrickt. Wirklich brisant wird der Klimbim in Gestalt der „hohen“ oder „freien“ Kunst, die in zahlreichen Ateliers und Schaufenstern auf ihren Erwerb durch arglos Durchreisende spekuliert. Was da an wertkonservativen Heilewelt-Landschaften, „drolligen“ Skulpturen und piksüßen „Farbstudien“ im Stil von Heilmeditationsvorlagen aus Esoterikbüchern „Kauf mich! Kauf mich!“ krakeelt, gehört in die Fluten der Rur versenkt, wo sie am tiefsten ist.Zwei glorreiche Ausnahmen gibt es aber doch: Das Kunst und Kulturzentrum mit der (Monschaugemäß leider verniedlichten) Abkürzung, KuK und die herausragende soziale Plastik eines Herrn S., der sein rustikales Fachwerkhaus mit ästhetischer Verve zur Auge und Hirn herausfordernden sozialen Plastik umgestaltet.Das in der Austraße 9 befindliche KuK lässt den kunstinteressierten Pilger nach den süßlichen Zuckerbäckeremissionen erst mal befreit durchatmen. Die wohltuend schlichte Architektur mit ihren freundlich kühlen Räumen beherbergt absolut sehenswerte Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, in der Regel bespielt von den Stipendiaten, die dort ihre Ateliers haben. Intelligente, erquickliche Ausstellungen in NAK-Qualität, wie z.B. im April dieses Jahres der listenreiche Jakob Kreutzfeld, sind im Kuk keine Seltenheit.Monschaus unumschränktes Meisterwerk der zeitgenössischen Moderne ist aber – wenn auch vielleicht nur in meinen Augen – das Domizil des Herrn S. auf der Kirch- bzw. Bergstraße. Das Fachwerkhaus, beschaulich direkt am „Roten Haus“ gelegen, war zu seinen Hochzeiten komplett in braunes, filzstiftbemaltes Packpapier gehüllt. Auf Grund behördlicher Zwangsmaßnamen wurde der Mitteilungsdrang des Hausbesitzers auf die Gestaltung der Fenster beschränkt. Deren Anmutung ist aber immer noch absonderlich genug, um als Kunst durch zu gehen. Die Verbindung von leidenschaftlich betextetem Packpapier und rustikaler Fachwerkarchitektur ist ästhetisch äußerst reizvoll, besonders als Kontrast zu Monschaus sonstiger selbst verordneter Harmlosigkeit. Die wahre Kunst des Herrn S. liegt aber in der schwindelerregend abenteuerlichen, die Grenzen der Legalität auslotenden Literatur, die er wie Peitschenhiebe auf seinen Malgrund presst. „Aachener Medien, offenbar Kriminelle, untergraben Rechtsordnung“, wird da verkündet, „Justizmafia beugt Recht und Gesetz“, und der Patron der Stadt, Ehrenbürger Hans-Georg Weiss, wird gar des „Meineid-Verbrechens“ bezichtigt. Das ganze macht im Stil eines RAF-Erpresserschreibens den Eindruck einer Installation von Valie Export in ihrer radikalen Phase. Was aber der eigentliche Grund für diesen visuellen Aufschrei ist, verrät das Pamphlet nicht. Also verweilt man nachdenklich vor dem Werk und fragt sich, welches himmelschreiende Unrecht dem Schöpfer denn wohl angetan worden sein mag, wogegen genau sich sein Widerstand richtet und wie es sein kann, dass in einer seit über 50 Jahren fest in CDU-Hand liegenden Eifelmetropole wie Monschau derart ungeheuerliche Anschuldigungen nicht schön längst aus dem ansonsten doch so heilen Stadtbild entfernt worden sind. Die Antwort des Urhebers auf diese Fragen ist wieder ebenso verblüffend wie sein Werk selbst. Herr S. hat nämlich, wie er berichtet, in den frühen 60-er Jahren bei einem Preisausschreiben der örtlichen CDU mitgemacht. Laut Herrn S. sei ihm der zweifellos zustehende 1. Preis unrechtmäßigerweise vorenthalten worden. Und zwar, weil Herr S. für seine 100% korrekte Lösung des Rätsels nicht den geforderten Poststempel vorweisen konnte, da er seinen Brief nicht per Post versandt, sondern persönlich in den Briefkasten des CDU-Büros eingeworfen habe! In dieser Sache prozessiert Herr S. nun seit über 40 Jahren und praktiziert mit seinem Kunstwerk eine radikale Ästhetik des Widerstands, denn bislang erhielt er statt des 1. Preises (eine zweiwöchige Reise auf eine Balearen-Insel) lediglich abschlägige Gerichtsbeschlüsse und psychiatrische Gutachten. (Gabor Baksay)










