Warum wir die Entkörperlichung Jörg Immendorffs journalistisch lieber nicht aufbereiten

Immendorf Collage EN

Immendorffs Seligpreisung: Vom Salonkommunisten zum Staatskünstler und Bibelapologeten

Normalerweise würden wir das uns nicht die Bohne interessierende Dahinscheiden des Kunstmalers Jörg Immendorff in aller Stille auf sich beruhen lassen. Nun erreichte uns jedoch die unten abgebildete E-Mail der „Mitarbeiter des Ludwig Forums für internationale Kunst“ die den dort von ihnen verfassten „Gedenktext“ mit der „herzlichen“ Bitte verbanden, diesen „journalistisch auszuwerten“. Ein prinzipiell legitimes Ansinnen, dem wir aber leider aus verschiedenen Gründen nicht entsprechen können. Erstens ist unsere Trauerarbeit um Johannes Rau und Rudi Carell noch nicht abgeschlossen, zweitens hat sich mit der journalistische Auswertung der ganz genauen Umstände von Immendorffs Dahinscheiden die Bild-Zeitung bereits unüberbietbar verdient gemacht („Malergenie Immendorf: Luftröhrenschnitt!“) und nicht zuletzt ist es mit unserem selbst auferlegten Reinheitsgebot unvereinbar, eine Knalltüte wie „„deutschlands bedeutendsten Künstler“ (wiederum Bild-Zeitung) mit feuilletonistischer Aufmerksamkeit zu beehren.Zwar ist die getragene Gestimmtheit der Mitarbeiter des Ludwig Forums für internationale Kunst durchaus verständlich, schließlich hat – der sonst wesentlich geschmackssicherer sammelnde – Peter Ludwig fleißig Immendorffs eingekauft, denen nun post mortem nach allen Regeln der Kunst eine hübsche Wertsteigerung ins Haus stehen wird. Das ist schon einen Gedenktext wert, den man gerne auch – why not? – ruhig mit der Behauptung beehren darf, Old Fusselbart sei „der wohl bedeutendste politische Künstler im Nachkriegsdeutschland.“ Eine Trophäe, die für einen Salonkommunisten mit eindimensionalen Botschaften der Güteklasse „Armut böse“ und/ „Proletariat gut“ nun doch ein wenig zu viel der Ehre ist. Wenn schon, gebührt sie einem einem fintenreichen Agitator und Inspirator wie Thomas Hirschhorn, der aber den Nachteil hat, als Eidgenosse kein richtiger Deutscher zu sein. Bleiben immer noch genug andere, wie Olaf Metzel, Hans Haacke, oder in Gottes Namen der Rauschenberg-Plagiator Wolf Vostell, der ungleich mehr ästhetische Eigenständigkeit entwickelt hat, als Immendorff. Dessen originärer Beitrag zur Kunstgeschichte bestand vorwiegend darin, zur historisch richtigen Stunde im Ratinger Hof ein und aus gegangen zu sein, A.R. Penck persönlich gekannt zu haben und auf der Welle seiner neuen und wilden Generationsgenossen Baselitz, Kiefer, Penck mit geschwommen zu sein.Bei Immendorfs Karriere zum Staatskünstler und Gerhard Schröder Intimus handelt sich um einen der typischen Fälle von Klüngel, Großmäuligkeit und Einschüchterung, der in der nach kerniger Männlichkeit lechzenden Kunstwelt des öfteren zum Erfolg führt. Die notirisch an ihrer Überkultivertheit leidenden Museumsdirektoren, Sammler- und Kuratorengattinen zeigten sich von den rauen Duftmarken der Testosteronwolken des Revoluzzers angetan, die eine ähnliche ungebrochene Urwüchsigkeit auch in dessen Arbeiten hineinzugeheimnissen bereit waren.Um so peinlicher, wenn dann ein lebenslanger Adept des Hedonismus und radikaler Gesellschaftskritik, in jedes Mikro, das ihm vor die Nase gehalten wird, seine Kokainpartys in schlecht gespielter Zerknirschung „bereut“, nicht etwa um – was man gut verstehen könnte – dem Knast zu entgehen, sondern um – was eigentlich? – seine Professur zu behalten? Den geläuterten Staats- und Großkünstler mimen zu können? Um in Düsseldorf einen Straßennamen zu bekommenWenn einem dann angesichts des eigenen Ablebens nichts anderes Einfällt, als zur Bild-Zeitung zu rennen und mit denen in einer Nacht- und Nebelaktion eine “Immendorf-Bibel” (sic!) aus dem Boden zu stampft, hat man eigentlich jedes Recht auf einen Gedenktext oder eine journalistische Ausarbeitung verwirkt. Erst recht, wenn dieses Buch der Bücher nicht aus dafür angefertigten Arbeiten besteht – was zweifellos eine produktive Auseinandersetzung mit letzten Fragen befördert hätte – sondern einfach aus irgendwelchen alten aus der Schublade gezogenen Grafiken, die mit Gottes Hilfe (Bibeln sind ja zum Glück sehr dick!) schon irgendwie zu irgendwas passen werden.Die köstliche Idee die auf 105 000 Exemplare „limitierte“ Edition in der Werbung als „Sammlerstück“ auszugeben, lässt die hehre Absicht des natur-peinlichen Bibelbrimboriums endgültig ins Lachhafte kollabieren, ebenso wie die honigsüße Verlegerentscheidung: „auf den ersten Seiten genügend freien Platz zu lassen, für eine private Familienchronik mit Hochzeiten, Geburtstagen und Widmungen zum Selber-Eintragen.“Jedes halbwegs zurechnungsfähige Familienoberhaupt wird sich davor hüten, die Chronik seiner Sippe, den freundlicher Weise dafür frei gehaltenen Seiten einer Immendorff-Bibel anzuvertrauen. In diesem Geist überlasse ich die weitere journalistische Aufarbeitung des Immendorffschen Lebenskreises gerne der Bild-Zeitung und warte lieber auf eine Gedenktext-Gelegenheit, die sich wirklich lohnt.Wie gehts eigentlich dem Polke…?(Gabor Baksay)Und hier der “Gedenktext”:Von: Presse@mail.aachen.deBetreff: PM608/07 Gedenktext Jörg ImmendorfDatum: 4. Juni 2007 15:41:20 MESZAn: wn.redaktion@aachen.ihk.de, redaktion@aachenerkinder.de, helmut.koch@aachenimnetz.de, info@acn.dpa.de, und 181 weitere…Liebe Kollegen, liebe Kolleginnen,zum Tode von Jörg Immendorf haben die Mitarbeiter des Aachener LudwigForums für Internationale Kunst folgenden Gedenktext verfasst.„Am 28.05.2007 verstarb Jörg Immendorff, der wohl bedeutendstepolitische Künstler im Nachkriegsdeutschland, im Alter von 61 Jahren inDüsseldorf. Mit der Sammlung Ludwig verband Immendorff eine besondereBeziehung: Peter und Irene Ludwig gehörten zu den ersten, die früheHauptwerke von Immendorff erwarben. Die Neue Galerie-Sammlung Ludwigebenso wie das Ludwig-Forum waren Debut-Orte für Immendorffs Werke.Bereits 1970 wurde Immendorff als neuer figurativer Maler in Aachenvorgestellt und erlangte als Vertreter der „Neuen Wilden”internationalen Ruhm. Die zahlreichen Neuerwerbungen der Sammlung wurdenin der halben Welt präsentiert und gingen dauerhaft in den Bestand derLudwig-Museen von Wien bis Peking über.Eine der größten Attraktionen bei der Eröffnung des Ludwig Forums wardie Installation von “Naht Brandenburger Tor – Weltfrage“(1982-1983), die sich heute an prominenter Stelle gleich am Eingangbefindet. Die monumentale Bronzeskulptur zeigt ebenso wie die frühenBeispiele aus dem Bilderzyklus “Café Deutschland”, dass Immendorff eindurch und durch politisch denkender Künstler war, der die ins Wankengeratenen politischen Ideologien im geteilten Deutschlandthematisiert.“Ich bitte Sie herzlich um journalistische Auswertung.Mit freundlichen Grüßeni.A.

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