Tschechows Großkomödie (nicht Tragödie!!!) der rastlos leidenden wird leider immer noch nicht von Helge Schneider seiner wahren Bestimmung zugeführt, sondern verendet ihn öder Didaktik und Kunstmachen wollen
Einziger Lichblick im Regietheater-Schlamassel: Silvana Krappatsch als Große Mutter Arkadina
Eines ist schon lange klar: Das Alphatier unter den Theaterstücken, kann man sowieso nicht vernünftig inszenieren. Als seltenen Glücksfall darf man schon verbuchen, es irgendwo erhobenen Hauptes scheitern zu sehen, wie z.B. 2001 Michael Helles Version im Theater Aachen. Das komplizierte Gleichgewicht der Zwischentöne zu halten wäre vielleicht gerade noch einem Wallace Shaw zuzutrauen, wenn er sich denn mal des Stoffs in ähnlich atemberaubender Weise annehmen würde wie in seinem – Louis Malle sei dank! – auf Zelluloid festgehaltenen Tschechow-Mirakel „Wanja 42nd Street.“ So begibt man sich also wieder mal mit klammheimlicher Vorfreude diesmal zur Schaubühne, um den ambitionierten Damen und Herren beim Versagen zu zu sehen. Das nackte Elend, mit dem sich der Regisseur, Falk Richter, hier über die Runden quält, verwandelt die Klammheimlichkeit der Vorfreude in unverhohlene Mordlust. Die Tötung dieses Spielleiters, der seine kopflose Truppe mittels multimedialem Flächenbombardement ins Aus inszeniert, wäre fast schon wieder ein neues Stück. Die hier agierenden Inkarnationen der so bezaubernd-bedauernswerten “Möwe” Nina, Yvon Jansen, und des verkannten Theatergenies Konstantin hat man sofort wieder vergessen. Der als Schwerenöter und Dichterstar Trigorin viel zu unapetitlich geformte André Jung ist fehlbesetzt, bringt aber wenigstens noch einen Fingerhut voll glaubhafter Niedertracht auf die Bühne. Kleiner Lichtblick wenigsten Jule Böwe als Mascha, die ihre Hingabe zum Suff angstbeißerisch in aufmüpfiger Punkattitüde an die große Glocke hängt. Und oho!, aha, dieser ansonsten höchst flügellamen Inszenierung gelingt es sogar, klar zu machen, dass Mascha und und ihr Möchtegern Liebhaber Medwedenko von Tschechov als Schattenbild von Nina und Konstantin gedacht sind. Es ist an keiner Stelle ersichtlich, was Falk Richter eigentlich will, außer verstaubtes Theater nach Gutsherrenart zu betreiben. Nur zu Beginn, als Konstantins erschütterndes Endzeit-Stück-im-Stück parodistisch als Hirngespinst eines wunderlichen jungen Mannes verunglimpft wird, keimt ein Verdacht auf: will Richter etwa den Theatermythos der Möwe vom Sockel stoßen? Tschechows Reigen der Gescheiterten als überschätzt oder überholt entlarven? Dies wäre zumindest ein nicht ganz uninteressanter Versuch aber dazu müsste Herr Richter wesentlich früher aufstehen.So quält man sich denn durch einen kopf- und bauchlosen Theaterberabend, der mit seiner begnadeten Vorlage nichts anderes anzufangen weiß, als dieses oder jenes Detail der Inszenierungsgeschichte des Stücks zu zitieren und dieses oder jenes andere Detail der Inszenierungsgeschichte als Irrweg zu kritisieren. Dabei gar nicht so schlecht, die Bühnenidee, die Wasseroberfläche des Sees an dem das ganz ja spielt, als Projektion ständig über den Köpfen der Irrenden und Wirrenden schweben zu lassen. Die Wasseroberfläche ist nicht lieblich oder idyllisch sondern abstrakt wie ein wissenschaftlicher Lehrfilm über spezielle Wellenmuster auf irgendwelchen Gewässern und genau das sind die Figuren in der Möwe ja auch: auf ihre Molekularstrukturen reduzierten Protagonisten der Sinnlosigkeit, deren sich selbst im Weg stehen anscheinend naturgesetzlich prädestiniert ist. Wenn das nicht komisch ist, weiß ich es auch nicht. Tschechow hat es bekanntlich wiederholt und eindeutig gesagt: die Möwe ist eine KOMMÖDIE! KOMMÖDIE! KOMMÖDIE! Dass sie immer wieder als Anklage gegen Gott, die Bourgeosie oder flatterhafter Frauenherzen aufgeführt wird, liegt an der Entschlossenheit des Großteils der Menscheit, einschließlich der Theaterregisseure, an ihren Leidenschaften zu kleben, diese für real zu halten und selbst unter Androhung von Gewalt, keinen Fußbreit davon abzugehen, sich enthusiastisch selbst zu zerfleischen. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, ist das Treiben der verlorenen Seelen vom See in der Tat höchst amüsant. Wie sehr würde ich mir wünschen, dieses gravitätische Leiden und Leiden lassen einmal von einem Humorexperten wie Helge Schneider oder Karl Valentin aufgeführt zu sehen. Tschechow ist derartiges unerfüllt geblieben, und auch uns wird es wohl nicht vergönnt sein.Wirklich komisch ist hier nur eine: Silvana Krappatsch als La Arkadina. Die Rolle ist eine der Dankbarsten, deren schamlose Egozentrik relativ leicht zu spielen ist und zuverlässig für Heiterkeitswallungen des Publikums sorgt. Frau Krappatsch legt hier allerdings noch ein paar Extra-Lachsalven drauf. Sie verkleidet die Eitelkeit der berühmten Theaterschauspielerin in der scheinemanzipierten Scheinsensibilität der um den Planeten besorgten Ökomütter vom Kollwitzplatz. Ihr verlogenes Einfühlungspathos in die Probleme der Anderen ist ebenso komisch wie ihre fraulichkeitsbetonten Gewandungen. Keine Frage, dass ich mir diese Madame demnächst noch einmal ansehen werde. Leider sind ihre schönen Auftritte alle aus dem Trailer, den man auf Youtube sehen kann, rausgeschnitten. Reichlich reingeschnitten sind dagegen Szenen, in denen die Akteure ihr bemühtes Modern-sein-wollen freiwillig oder unfreiwillig herausschreien. Nicht zu vergessen, das ermüdende Belehren wollen mit der Ergebnislos verhandelt wird, wie das Theater zu sein bzw. nicht zu sein hat.Gabor Baksay










