NAHVERKEHR #01 Im Bus mit Elke Borkenstein und Karl Walter Springala

Karl Walter Sprungala und Elke Borkenstein auf dem Weg zum Von-Halfern-Park

Das Interview wurde in der MOVIEBETA-Print-Ausgabe leicht gekürzt. Hier nun etwas kompletter:

Es könnte alles so schön einfach sein: die diesjährige Kurt-Sieder-Preisträgerin Elke Borkenstein besitzt die „manchmal beunruhigenden Ausstrahlung einer selbstbestimmten und selbstbewussten Frau“, wie Laudator Guido Rademachers versichert und Karl Walter Sprungala ist laut der Kuratoriumsvorsitzenden Annette Bosetti „umwerfend komisch, tiefgründig, geschmeidig in Körper und Geist“.
Es ist schon richtig, Elke Borkenstein agiert in ihren Rollen im Theater Aachen äußerst konzentriert und professionell. Wer sie aber in „Liebe und Geld“ als debile Debbie Anke Engelkes Leistung in Rickies Popsofa hat übertreffen sehen, weiß dass diese Frau weit mehr kann als beunruhigen. Ebenfalls richtig ist, dass Karl Walter Sprungalas komische Knochen ohne große Mühe jeden Saal in Raserei versetzen können (Zuletzt im „Diener zweier Herren“ im Grenzlandtheater). Genauso leicht schafft er es aber auch, einen zweistündigen Thomas-Bernhard-Monolog über Details körperlichen Verfalls (2001 im Theater Aachen in „Der Ignorant und der Wahnsinnige“) mit tödlicher Eindringlichkeit aufzuladen. Es besteht also Klärungsbedarf, dem wir in einer gemeinsamen Expedition näher nachgehen wollen. Wir beginnen damit eine zweimonatlich erscheinende Serie, in der wir mit interessanten Aachenern eine Busfahrt zum Ort ihrer Wahl antreten. Karl Walter Sprungala wählte den Von-Halfern-Park.

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Der extrovertierte Spaßmacher und die nach innen gekehrte Bedeutungsträgerin also…? Mal sehen.

Karl Walter, wenn man dich als Volksschauspieler bezeichnen würde, wärst du dann beleidigt?

SPRUNGALA: „Es käme darauf an, wie du das meinst, was noch nachkommt. Als Volksschauspieler im Sinne von Gert Voss in Wien oder Ulrich Wildgruber in Hamburg bezeichnet zu werden, fände ich schmeichelhaft. Mit der Schublade hätte ich kein Problem.“

Aber du bist ja Aachener, ist man da nicht automatisch schon Volksschauspieler?

SPRUNGALA: „Für die Aachener vielleicht (lacht). Ich gebe zu, ein wenig unheimlich ist es mir schon von allen gefragt zu werden, ob es nicht toll sei, so einen Preis in meiner Heimatstadt verliehen zu bekommen? Natürlich ist das schön, aber geht es denn darum? Ich weiß manchmal nicht, wie die Leute mich sehen, wo sie mich hin haben wollen.“

Manchmal weiß man es schon, z.B. bei der Preisverleihung als Sprungala mit Macht Allen Ginsbergs „Geheul“ anstimmte, las man in vielen Gesichtern die unausgesprochene Frage: „Warum liest er nicht was Nettes?“

Wenn man bei Leuten wie Wildgruber, den Volksschauspieler-Vergleich überhaupt zulassen will, dann am ehesten in dem Sinne, dass er mit seiner Wildgruber-Persönlichkeit, es schafft, auch schwierige Inhalte oder Charaktere, im besten Sinne unterhaltsam, an ein größeres Publikum zu bringen.

BORKENSTEIN: „Ich habe jetzt alte Aufzeichnungen aus dem Ohnsorg-Theater mit Henry Vahl gesehen und dachte, das ist ja ein riesen Schauspieler, der könnte auch den Lear oder sonst was spielen. Der Begriff „Volksschauspieler“ wird ja nur dann schwierig, wenn er automatisch bedeutet, dass alles was der Darsteller macht, nicht wehtun darf.

Sie wirken auf der Bühne nun gar nicht, wie eine Volksschauspielerin, sondern extrem fokussiert, als würden Sie am gerade am offenen Herzen operieren oder den Text vorsichtig vor sich hin tragen, damit ja nichts herunterfällt. Sind sie verkopft?

BORKENSTEIN: „Ich neige dazu, mir alle Details sehr gründlich zu überlegen aber nicht in dem Sinne, dass ich ein Stück von vorne bis hinten analysiere. Nein, nicht verkopft. Aber mir werden oft die schwierigen, zwiespältigen Charaktere angeboten. Ich spiele sie auch gerne, diese ins Ungesunde gehenden Menschen. Es wäre schade, wenn das auf Sie verkopft oder elitär wirken würde“

Nein, gar nicht aber vielleicht „anspruchsvoll“.

BORKENSTEIN: „Es gibt ja viele Regisseure und Schauspieler, die sich nicht wirklich dafür interessieren, für wen Sie ihre Arbeit überhaupt machen. Albrecht Hirche [hat im Juni Premiere in Aachen mit „Der eingebildete Kranke“], z.B., ist das genaue Gegenteil. Als ein in die Tiefe gehender Regisseur , von dem manche sagen würden, der sei ganz schön abseitig, ist aber wirklich brennend daran interessiert, dass die Leute ihn verstehen. Gar nicht anbiedernd, sondern weil er ein Menschenfreund ist. Da können seine Inszenierungen noch so eigenwillig sein, es geht ihm sehr stark um Kommunikation mit seinem Publikum. Das ist dann u.U. Natürlich „schwierig“ und als Zuschauer muss man sich überlegen, ob man abends noch sehen will, wie ein Pärchen sich bis zum Exzess streitet oder wie jemand stirbt aber das heißt nicht, dass sich Leute wie Albrecht – egal wie elitär sie denken mögen – sich nicht abmühen, verstanden zu werden.

SPRUNGALA: Letztenendes ist das eine überflüssige Diskussion. Zadek hat mal gesagt, er macht nicht das, wovon er denkt, das könnte dem Publikum gefallen, sondern er macht das, was ihm gefällt. Gottseidank gefiel das dem Publikum manchmal auch, sonst hätte er seinen Beruf verfehlt.

Ja, die Stoiker, man sollte sie in allen Lebenslagen zu Rate ziehen: „Als Erstes handle so, eine eigene gute Meinung von dir zu erringen.

BORKENSTEIN: „Ich meinte jetzt gar nicht den Aspekt, sich nicht vor dem Publikum zu verbiegen, sondern, dass es in unserem Beruf Leute gibt, die sich nur für die Qualität ihrer eigenen Idee interessieren, ob und wie die beim Publikum rüberkommt, interessiert viele gar nicht. Da hört man dann: „Ach dieses Provinzpublikum kann mich ja gar nicht verstehen.“

Die verpeilte Debbie, die Sie in „Liebe und Geld“ gespielt haben, steht ja nun gar unter Eliteverdacht, sondern ist eine überaus schrille, hoch komische Figur. Wie haben Sie denn die radebrechende Privatsprache dieser debilen Diskomaus entwickelt? Steine im Mund á la Demosthenes? Anke Engelke studiert?

BORKENSTEIN: „Das war der pure Spaß. Ich dachte mir, bei so einem schrägen Kostüm kann ich ruhig in die Vollen gehen

[eigentlich sagte Frau Borkenstein: „auf die Kacke hauen“ aber so etwas drucken wir nicht].

Ich hatte mal für eine Ayckbourn-Produktion die Quitscheentchen-Stimme von Jennifer Tilly aus „Bullets over Brodway“ als Vorbild.

Borkenstein pitcht ihre Stimme virtuos ins Minnie-Mouse-Register.

Die Sprache der debilen Debbie ist allerdings meine Erfindung.“

Es gab ja witziger weise im Publikum echte Missverständnisse über die Figur. Die Leute nahmen Ihnen Ihre Rolle wortwörtlich ab und beschwerten sich: „Was ist denn das für eine Amateurin, die kann ja noch nicht mal sprechen.“ Das debile Lispeln wurde also nicht Ihrer Rolle, sondern Ihrer Person zugeschrieben. Vielleicht ist das ja sogar ein großes Kompliment, wenn Manierismen so echt rüberkommen, dass man sie für einen Teil Ihrer Person hält.
Die landläufige Vorstellung vom Schauspieler ist ja, ihr seid alle kleine Robert de Niros, die monatelang in der Pathologie hospitieren, um „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ zu spielen oder in der Disko übernachten, um ins debile-Debbie-Feeling zu kommen.

BORKENSTEN: „Da denke ich sofort an diesen Witz mit Robert Mitchum der gefragt wird, ob er für seine Rolle in ,Kap der Angst‘ Studienaufenthalte im Gefängnis gemacht habe und er antwortet: ‚Nein, wieso, ich bin doch Schauspieler?‘ Ich glaube wir werden zu sehr romantisiert. Wenn Leute wie Brad Pitt alles Mögliche zur Weltgeschichte gefragt wird, denke ich: ‚Mensch wieso fragt ihr so was denn einen Schauspieler?!‘“

Langsam fällt der Groschen: Die Bescheidenheit dieser Frau aus dem „Showbusiness“ ist ja sagenhaft. Einmal, als es um sie geht, wehrt sie gereizt ab: „Das ist doch langweilig. Öde.“ Mir wird klar, genau diese militante Entschlossenheit, nichts Besonderes sein zu wollen, ist eine der höchsten Tugenden des wirklich guten Schauspielers. Bei Sprungala ist es ähnlich.

Du kommst aus einer Familie, in der sich alle beruflich exponiert haben. Gab es einen brüderlichen Konkurrenzdruck, der dich dazu gebracht hat, einen außergewöhnlichen Beruf zu ergreifen?

SPRUNGALA: „Nein, das ist irgendwie von selbst passiert. Es lag wohl am Zeitgeist der 70er mit Theaterworkshops, dem Theaterfestival in München usw. Als mittelfrustrierter Germanistikstudent fand ich gut, dass man sich als Schauspieler ausagieren konnte. Nicht nur immer lesen, was ich immer noch wahnsinnig gerne mache, sondern der körperliche Aspekt und der „Thrill“ des Sich-fallen-Lassens und Sichauslieferns.“

Tatsächlich leistete Sprungalas Truffaldino in „Diener zweier Herren“
körperliche Schwerstarbeit. Am Ende waren alle nassgeschwitzt: Sprungala von seiner Herkulesarbeit, die Zuschauer vor Lachen.

Hilft Ihnen der Beruf, eine soziale Kompetenz zu gewinnen? Schüchternheit zu überwinden? Persönliche Kontakte reicher zu gestalten? Hilft Ihnen der beträchtliche Zitatenschatz Ihrer Rollen im Kopf, in jeder Lebenslage erstklassige Konversation zu machen?

BORKENSTEIN und SPRUNGALA unisono: „Überhaupt nicht!“

BORKENSTEIN „Ich kann trotz toller Sprechstimmenausbildung beim Bäcker stehen und denken ‚Mein Gott, warum versteht die mich jetzt nicht‘?“

SPRUNGALA „Als meine Mutter 75 wurde und ich ihr zu Ehren im Familienkreis eine Rede halten wollte, hat mir mein Beruf gar nichts geholfen. In solchen Situationen rast das Herz und man ist allein – mit oder ohne Schauspieldiplom.“

Das Gespräch führte Gabor Baksay

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