Posted am 04.03.2010, 22:11 in Home, Allgemein von Gabor

Was Deutschland gegen Depressionen tat – Identität aus Schlussstrichen

Üwagen

Manche nennen die Angeklagten in den letzten NS-Mord-Prozessen in München und Aachen „kleine Fische“. Aber diese „kleinen“, freiwilligen hingen mit den großen fürchterlich zusammen. Man kann Thomas Harlan, den Sohn des „Jud Süß“-Regisseurs Veit Harlan, verstehen, wenn er in einem kürzlich gesendeten Fernsehbericht erzählt, wie er in der Welt seines Vaters recherchierte und irgendwann sein Notizbuch zuklappte wie einen Deckel über der Hölle, weil er nicht mehr ertrug, was er erfuhr. Das ist etwas anderes als der manchmal genervt geforderte „Schlussstrich“.

„Müssen die sein, die letzten NS-Prozesse?“ fragte am 6. Februar Hallo-Ü-Wagen/ WDR5 am Markt in Aachen, und die meisten der zahlreichen Zuschauer und Gäste (besonders stark: die Journalistin Müller-Münch) sagten glücklicherweise ja. (Die beliebte und wichtige Sendung soll eingestellt werden; Proteste an WDR, z.Hd. Intendantin Monika Piel, 50600 Köln)
Am Abend dann „Der Stein“ im Stadttheater, über alte und neue Bewohner eines einst „arisierten“ Dresdener Hauses nach der Wende. Nicht so scharf formuliert wie ich es suche (herausragend aber Elisabeth Ebeling); die anschließende Podiumsdiskussion hatte es allerdings in sich: „Opa war kein Nazi“, aufmerksam moderiert von Dramaturg Ralph Blase. Unverwandt gegenüber standen sich die Welt der konservativ-bürgerlichen Psychoanalyse und der kritisch-unversöhnlichen NS-Geschichtsbetrachtung.
Die PsychoanalytikerInnen Petra Demleux (AK Intergenerationelle Folgen d. Holocaust) und Thomas Auchter verteidigten die beschränkte Perspektive mancher Angehöriger von Nazi-Tätern und ihr Bedürfnis, historische Tatsachen umzudeuten und zu verdrängen: Es diene dem Schutz der „Identität“. Irgendwann müsse Verzeihen möglich sein. Detlef Hartmann hingegen, Anwalt der Nebenklage im Boere-Prozess, findet „Heilung“ entschieden unmöglich. Er habe u.a. in seinem Beruf erfahren, wie wenig schuldgeplagt jene Täter oft seien; es sei ihnen meist sehr konkret um Vorteile gegangen. Er und Winfried Casteel (VHS Aachen) kritisierten, wie sich Nachkriegsdeutschland rein wusch und heute noch von dem Geschehenen profitiert. Dies alles lasse sich nicht als psychisch notwendiger Selbstschutz sehen. Auch die junge Vertreterin des „AK Kein Vergessen“ sah zum Verzeihen weder familiär noch staatspolitisch die Grundlage. Ihr geschieht viel zu wenig ergriffenes Bedauern und radikale politische Umkehr. Das Ex-DDR-Mädchen im Stück drückte ihre Haltung aus: „Ich bin gekommen, um zu stören“. Auchter argumentierte dagegen mit Mitscherlich: Die Deutschen wären verrückt oder depressiv geworden, wenn sie sich der Wahrheit gestellt hätten…
Mir fällt da Ingeborg Bachmann ein: Die Wahrheit sei dem Menschen zumutbar, der helle Schmerz-Zustand gerade mache ihn sehend. Statt der von Bachmann beschworenen Erkenntnisbereitschaft allerdings löste ein neuer, gravierender Denk- und Fühlfehler das nationalsozialistische Böse ab: „Normalität“.
Silvia Szymanski

Ein Kommentar

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Leider wirkte die Diskussion statisch und vorgetragen. Ganz zu Recht wurde dies von einer Zuschauerin bitter beklagt, die dann laut schimpfend den Saal verlies. Dahingegen durften zwei Zuschauer ungestört ihre fragwürdigen Ansichten zu Besten geben: der eine, ein älterer Herr, der offenbar tatsächlich gekommen war, um zu stören, beklagte dass Wehrmachtsoldaten pauschal verurteilt werden obwohl sein Vater als solcher in Russland einen jüdischen Jungen gerettet haben soll. Er war wohl immernoch nicht fertig damit, gegen die Ausstellung “Verbrechen der Wehrmacht” zu protestieren und verlies, da unwiedersprochen, am Ende zufrieden schauend den Saal. Der andere, ein junger Christ, der über Vergebung sprechen wollte. Gerne hätte ich zu beiden Einwürfen meine Meinung gesagt, leider lies es der Rahmen kaum zu. Mit dem zweiten konnte ich dann doch nach der Veranstaltung reden, um rauszufinden ob seine provokative Haltung einer fundamentalchristlichen erwachsen ist, was auch der Fall war. Jedenfalls alles sehr beklemmend und eben schade.

Parvenu

05.03.2010 | 14:47


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