Alles andere als einschläfernd- Shakespeare-Komödie als Rocky-Horror-Hippie-Hybriden
Mann, war das gut! Endlich hatte ich noch mal Zeit, mit meiner inzwischen reichlich schwangeren Theater-Freundin ein Ruhrpott-Stück zu besuchen. Aus Rücksicht auf den reiselängenbeschränkenden Umfang meiner Begleitung war es keine „echte“ Ruhr2010-Veranstaltung sondern die Wiederaufnahme von Was Ihr wollt im Grillo.
Die Inszenierung ist ein Kandidat für eine Topplatzierung auf meiner persönlichen Theaterbestenliste 2010. Was Ihr wollt als klamottig-klamaukigen Rocky-Horror-Hippie-Hybriden zwischen Roy Black und Heavy Metall zu inszenieren und gleichzeitig die würdevolle Shakespeare-Komödien-Aura zu respektieren, geht nicht? Doch. Geht wohl.
Hatte ich zu Beginn noch meine Schwierigkeiten, die gefühlte 1,40m kleine, handfeste Sarah Viktoria Frick nicht nur als Viola sondern auch – huhu, Geschlechterverwirrung! – als Cesario anzuerkennen, schwand meine Skepsis angesichts Fricks ungekünstelten, frischen Spiels schnell. Meine Güte, die Frau hat Grips in den Knochen und Herz im Hirn. Nach spätestens 30 Minuten hatte ich Dank der schauspielerischen Leistung der Darsteller und der angenehm lässigen musikalischen Untermalung von Karsten Riedel so fest Fuß gefasst im Shakespeareschen Verwechslungskosmos, dass ich den diversen Verblendungen der Figuren bereitwillig folgte.
Sehenswert (wer könnte ihn mit seinen 1,94m auch übersehen?) der traueräugige Jürgen Hartmann, der in der Wiederaufnahme Günter Franzmeier ersetzt. Optisch eine Mischung zwischen Richard O’Brien als servilem Transsexu-Alien und Harald Schmidt als Lucky lieferte Hartmann in der Rolle des riff-raffigen Narren den Beweis, dass auch stille Wasser seicht und laute Blubberbrause tief sein können. Und, by the way, die Korsage über dem Hemd war einfach nur chic, chic, bon, bon…
Gibt es denn nix zu meckern? Doch, gibt es, am Rande. Die Saufgelage von Sir Toby (Holger Kunkel) und Sir Andrew (Nicola Mastroberardino) in der ersten Hälfte des Stücks waren für meinen Geschmack einen Schluck zu überdreht, ein bisschen weniger Urmenschengehabe hätte es auch getan. Dankenswerterweise wurden die Zechbrüder (und damit die Stimmung) immer wieder von Maria (Kristina Peters) am endgültigen Absturz gehindert. In meinen Ohren hätte auch Olivias (Therese Dörr) Echolalie gerne milder ausfallen können. Aber auch wenn das Stück nach einem fulminanten Crescendo einen Hauch zu abrupt zu Ende ging, wurden in der brillanten zweiten Hälfte sämtliche Erbsen unter meiner ansonsten äußerst bequemen Matratze entfernt.
Meine Euphorie nach der gelungenen Vorstellung wurde allerdings direkt nach dem tosenden Beifall abgewürgt. Malvolio-Darsteller Roland Riebeling (wer sich mit so viel Würde zum Affen macht, hätte eigentlich einen Orden wider den menschlichen Ernst verdient) bat die Zuschauer, gegen die drohende Zerschlagung der TUP (Theater und Philharmonie Essen) und der damit verbundenen Schließung ganzer Sparten zu unterschreiben. Ausgerechnet im Kulturhauptstadtjahr (wir erinnern uns: Die Ruhr2010 soll die Kultur in der Region „nachhaltig“ fördern) will die Stadt Essen den Kulturetat so weit kürzen, dass entweder Grillo oder Aalto dran glauben müssen. Welch bitterer Zynismus. Ich habe unterschrieben. Wen Sie dies ebenfalls tun möchten: Listen und Infomaterial gibt es unter www.theater-essen.de (Achtung, Popups zulassen.)
Regie: David Bösch
Dramaturgie: Thomas Laue
Bühne: Patricia Talacko, Dirk Thiele
Kostüm: Meentje Nielsen
Musik: Karsten Riedel
Licht: Michael Hälker
Darsteller:
Viola: Sarah Viktoria Frick
Herzog Orsino: Fritz Fenne
Gräfin Olivia: Therese Dörr
Sir Toby Rülp: Holger Kunkel
Sir Andrew Bleichenwang: Nicola Mastroberardino
Malvolio: Roland Riebeling
Maria: Kristina Peters
Der Narr: Jürgen Hartmann
Sebastian: Lukas Graser
Antonio: Raiko Küster
Musiker: Karsten Riedel










