With God on its side – Das Ballerbüdchen, eine gottgefällige Veranstaltung in der Raststätte

Bude

Solche herrlichen Aufnahmen gelingen nur betrunken und im Ballerbüdchen. (Bildmotiv: Lichtprojektion des Veranstalters)

Der Weg in die Raststätte lohnt sich in den allermeisten Fällen sowieso. Besonders fruchtbringend ist aber der Besuch von zutiefst humanen Veranstaltungen wie Werner Wernickes Ballerbüdchen. Jeder bringt Platten mit und legt sie auf. Das ist nicht schwer zu verstehen und macht Spaß. Themen gibt es auch immer. Das vom gestrigen Donnerstag hieß: “auch deine frisur gefällt mir nicht” protestsongs teil 1: schmuddelkinder strike back. Das Ballerbüdchen wäre aber nicht die charmante, kleine Veranstaltung, die sie ist, wenn sich die Leute tunlichst an das Thema halten würden. Viele legen einfach irgendwas auf, meistens das, was ihnen gerade ein- und gefällt.
Ernst Wawra nurtze listiger Weise die Gelegenheit, um Werbung für seine neuste Modul-8-Errungenschaft “Mitte Kills” zu machen. Ein sympathischer Mensch Namens Axel legte Snakefinger und irgendwelchen Metal auf, was zu dem Gedanken verführte, dass jede Rockmusiken irgendwie Protestsong ist. Streng am Thema blieb die Farbfeldmalerin Petra Herzog, die mit drei exemplarischen Songs, eine bestechende Essenz des Genres zog: Donovans “Universal Soldier”, Dylans “With God on our Side” und Conuntry Joe McDonalds “I-Feel-Like-I’m-Fixin’-To-Die”. Nach geschätzten 30 Jahren Hörabstand wurde mir klar, dass Donovan gar nicht der Dylan für Arme war, wie hochmütige Menschen seinerzeit gerne behaupteten und wie es Pennebackers Film “Don’t look back” suggerierte, sondern über einen respektablen, ganz eigenen Sound verfügte. Bei “God on our Side” musste ich, wie immer, an Joan Baez denken, wie sie in einem Interview die fassungslose Verblüffung ihrer damaligen Kollegen beschrieb, als das Lied heraus kam. In den frühen 60ern bestand die Folkszene aus etwas biederen, hoch anständigen Menschen, deren hehre Absichten sich in Melodeien a la “We shall overcome” austobten. In dieser Situation brachte Dylan in seinem Song das Gift der Poesie rein: “Though they murdered six million / In the ovens they fried / The Germans now too Have / God on their side.” Joan Baez beschreibt ihren Schock als ihr bei diesen abenteuerlichen Reimen klar wurde, dass dieser schmächtige kleine Provinzler, der nicht singen und nicht besonders Gitarre spielen konnte, sie und ihre Folkgenossen soeben in die Bedeutungslosigkeit befördert hatte.
Wer beim Ballerbüdchen keine Platten dabei hat, kann auch Youtubeclips an die Wand beamen. Der denkwürdigste an dem Abend, war die unglaublich schlechte Coverversion des sowieso schon grauenhaften Songs “Final Countdown”.

Grauenhafte Coverversion eines noch grauenhafteren Songs.

Wenn man zum guten Schluss dann betrunken im Taxi die Heimfahrt genießt – die Raststätte gehört zu den wenigen Lokalitäten, die unter einem Glas Wein tatsächlich ein Glas verstehen – wird nochmal klar, dass die nettesten Veranstaltungen, die dünn besuchten sind. Es entsteht schnell ein Wir-Gefühl der Eingeweihten. Man bekommt Lust, von den handverlesenen Anwesenden, die meisten kennen lernen zu wollen, was auch recht leicht gelingt. Normalerweise will man ja in normal besuchten Lustbarkeiten keinen kennenlernen, höchstens jemand anbaggern. (gb)
Das nächste Ballerbüdchen gibt es am 16. Juli in der Raststätte.

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