Nach jahrzehntelanger Abwesenheit taucht der Howard Hughes der Aachener Transavantgarde wieder auf – und zwar am Freitag, den 12.9. 2008, um 19 Uhr im Raum für Kunst in der Elisengalerie.

Nur der schmerzgepolte Röntgenblick eines Werner Hofmann vermag printmedialen Seichtigkeitsreservoirs derart heroische Bilddichtungen zu entreißen.
Niemand malt die Plagen und Heimsuchungen des zeitgenössischen Existierens mit leichterer Hand als Werner Hofmann. Zweifellos handelt es sich um den brillantesten, witzigsten, düstersten und virtuoseste Maler der Aachener Transavantgarde nach 1980. Hierüber wird nicht verhandelt!
Ein wenig hinderlich für die Beweisführung ist nur, dass Hofmann so gut wie nicht ausstellt. Deshalb kennen ihn trotz fieberhaft umfangreichem Bilderausstoß nur ein paar Sammler, Joachim Bandau, ich und Dorett Pümpel. Seit 15 Jahren hat Aachen keine Ausstellung mehr von ihm gesehen. (Und, meines Wissens nach, in den zehn Jahren davor auch nicht.)
Dabei ist Hofmann ein verdammtes Genie. Oder kennt jemand etwa irgend jemanden, dem in den letzen hundert Jahren aufgefallen wäre, dass im ach so schnurrigen Wilhelm Busch ABC die Buchstaben K und Z ein wenig düster, wenn nicht gar prophetisch besetzt sind? Warum denkt sich Herr Busch für K ein Kalb aus, das man auf die Schlachtbank führt und für Z eine Zwiebel, die ausgerechnet ein Jude verspeist? Für so etwas hat Hofmann eine Antenne – hatte er immer schon – und deshalb heißt die Ausstellung auch “Von K-Z (56 Bilder in 1qm)
1 qm entsprechen ziemlich genau den Maßen eines Zwergensargs und exakt einem viertel der Fläche von Hofmanns “Atelier”, nämlich 4 qm.
Enge, Sorge und bittere Not sind denn auch die bevorzugten Themen Hofmanns. Die hinreißende Leichtigkeit mit der er sie allerdings visualisiert sind, wie schon gesagt: hinreißend. All die bemitleidenswerten Zeitungsbildchen in der Vorhölle ihrer Vernichtung, deren Hofmann sich so ritterlich annimmt, und deren Sorgen er so sehr ernst nimmt, dass sie schon wieder komisch werden, lädt er malerisch äußerst clever mit doppel- drei- und mehrfach-Bedeutungen auf, dass sie zu platzen drohen. So wäre es zum Beispiel ein fataler Irrtum anzunehmen, das unten stehende Bild beinhalte 2 Penisse. Im Negativraum befindet sich nämlich, gut versteckt, noch ein gespiegelter Dritter.

Wer weiß es? Wieviele Penisse sind in diesem Bild enthalten?
Solche kleinen bildnerischen Freuden bietet die Ausstellung überreichlich. Es lohnt sich also nicht nur zur kathartischen Erleuchtung, die 56 Schaubilder möglichst gemächlich ab zu schreiten, sondern auch sich genüsslich Zeit zu lassen für eine ästhetische Abendunterhaltung auf artistisch höchstem Niveau.
Ebenfalls sperrig, unterhaltsam und zum sterben komisch sind die hermeneutisch völlig offen gehaltenen Textschnipsel, die Hofmann in eine Raumkurve der Galerie installiert hat. Hier zwei (sorry, leider gelbstichig gewordene) Beweisfotos:


Auf den 1. Blick wirkt die Ausstellung ein wenig beliebig durcheinander gewürfelt, vereint sich aber nach ein wenig Rezeptionarbeit im erkennenden Betrachterblick zur Einheit, die sie von Anfang an war.
Wenige Ausstellungen sind SO dringend zu empfehlen, wie diese. Nicht nur, weil man endlich Gelegenheit bekommt, einen Blick auf diesen sagenhaften Hofmann zu werfen, (aber NICHT anfassen und nur ansprechen, wenn es wirklich wichtig ist!) sondern auch, weil Joachim Bandau da sein wird, ich, Dorett Pümpel und vielleicht ein paar Sammler.
Und ganz bestimmt die hinreißenden 56 verlorenen Seelen aus Brigitte, Gala, Men’s Health und was es sonst noch für visuelle Höllen im zeitgenösischen Blätterwald geben mag.
Gabor Baksay
Eine ausführliche Besprechung folgt im MOVIEbeta-Oktoberheft.










