Frühlings Erwachen in Linie 35

Wedekinds Pubertätsdrama „Frühlings Erwachen“ im Schulbus der Aachener Verkehrsbetriebe

frühling

Jetzt online: Paul Riemann als suizidaler Pimpf und Alessandra Ehrlich als pralles Leben

Kaum eine Kunstform ist so archaisch, lebensdurstig, bewegend, unterhaltsam und im tiefsten Mark dem Tode geweiht wie das Theater. Als Medium, das durch die intime Nähe von Darsteller und Zuschauer eigentlich die größte emotionale Intensität herstellen könnte, sind die meisten Theateraufführungen in ihrem verkrampften Kampf gegen die Konkurrenten Kino und Videospiele oft nur peinlich bemühte Versuche, die historische Krise des eigenen Mediums zu überspielen. Dabei meine ich gar nicht mal das unterhaltsame Gegacker des Boulevard – und auch nicht die greisenfreundliche Fleischbeschau des Musicaltheaters. Beides ist völlig in Ordnung und funktioniert sogar noch halbwegs. Jedenfalls sind 70 Euro für einen vernünftigen Platz in der Blue Man Group keine Fehlinvestition.Wirklich dem Tode geweiht sind aber diese bemühten Versuche ambitionierter Bühnen, ihren Bildungsauftrag zu erfüllen um dabei beinahe ausnahmslos zwei Dinge zu produzieren:1. Museale Selbstbeweihräucherung großer Mimen und deren „werkgetreuer“ Regisseure, die einfach so tun, als wäre nichts, als hätten wir immer noch die 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts und als würde sich irgendjemand noch für Fragen interessieren, ob z.B. „die Güllener“ Schuld auf sich geladen haben, und wenn ja, wieviel?2. Mühsam abgekupferte Besäufnisse „intellektueller Radikalpositionen“ wie man sie irgendwann in der Volksbühne mal gesehen hat (inkl. Schauspieler in schlecht sitzenden Second-Hand-Klamotten und mit eklig frisierten Fettfrisuren.)
Selbst in einer Stadt wie Berlin muss man ein Übermaß an bildungsbürgerlichen Scheinproblemen („Wurde Nora von der Gesellschaft unterdrückt?“) aushalten und verlogenes Ranschmeißen an das, was coole „junge englische Dramatiker“ angeblich der juvenilen Drogenszene vom Maul abgeschaut haben („Shoppen und Ficken“), bis man endlich mal etwas wirklich intelligent Befriedigendes sehen darf. (z.B. alles, egal was, von René Pollesch.)Um dieser Misere entgegen zu wirken, leisten wir ab sofort auch unseren kulturell wertvollen Beitrag.Auf der MOVIEBETA-Website tummeln sich ja jetzt schon bereits diverse, seltsame Inszenierungen. Jetzt kommt aber die erste, die wir tatsächlich öffentlich aufgeführt haben. Den Anfang macht die suizidale Schlussszene der Pennäler-Erotik-Tragödie „Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind. Die polemischen Anklagen Wedekinds auf die Sexualmoral seiner Zeit interessieren dabei nicht. Dass aber der junge Moritz aus dem Leben scheidet, ohne jemals Sex gehabt zu haben, interessiert uns schon. („Sie waren in Ägypten und haben die Pyramiden nicht gesehen??? HAHAHAHA!“) So ein hysterisches Lachen, das in Weinen übergeht, kann man nicht glaubwürdig spielen. Gerade dies ist ja eines der Hauptprobleme des Theaters, dass im falschen Bewusstsein unserer Herrschaftsverhältnisse jedes Gefühl sofort zur Ware gemacht und dadurch zur Lüge wird.Da hilft nur Künstlichkeit.Paul Riemann (einstmals jüngster MOVIEbeta-Theaterkritiker) verfügt, wie man seit seinem umwerfenden „Bettwurst“-Abend im Mörgens weiß, über das richtige Maß an exaltierter Künstlichkeit. So bemitleidenswert verfremdet dargebracht, als würde er ständig auf etwas Unsichtbarem herumkauen, können einem die letzten Minuten im Leben von Gottes einsamstem Knaben durchaus an die Nieren gehen (was ja wohl Sinn der Sache ist). Das pralle Leben, das Moritz niemals genossen hat. begegnet ihm – um es ihm noch mal extra schwer zu machen – in Gestalt des locker verlotterten Bohemeliebchens Ilse, die ihn mit nach Hause nehmen will, um ihm „Locken zu brennen und ein Glöcklein um den Hals hängen“. Moritz, dem zu solchen Freuden inzwischen jede Leichtigkeit fehlt, bringt sich aber lieber um.So wunderbar verpeilt und komisch Paul Riemann seine Todesfuge deklamiert, um so „natürlicher“ und professioneller agiert die frisch examinierte Elevein des Bochumer Schauspielhauses Alessandra Ehrlich als Künstlerliebchen und angehende „professionelle“. Ihr lasziver Charme kontrastiert perfekt zu Paul Riemans altmodisch überkandideltem Overacting und war anscheinend ansteckend genug, dass das jugendliche Publikum, sich anschickte, wie im Kasperle-Theater, dem todessehnsüchtigen Moritz zurufen: „Geh, doch mit! Geh doch mit!“Apropos, das Publikum. Wir entschlossen uns, die Szene nicht in einem Theater, oder ähnlichem“ auf zu führen, sondern irgendwo öffentlich. Der Gedanke, einen Schulbus zu entern und den Nintendo-Kids mal was vernünftiges mit auf den Weg zu geben (nämlich knallharte deutsche Bildungsware) lag nahe und wurde auch in die Tat umgesetzt. Wichtig war, dies unangemeldet zu tun. Allerdings wollten wir nicht vom Busfahrer an die Luft gesetzt werden und kontaktierten deshalb die Pressesprecherin der ASEAG, Anne Linden, damit sie uns durch ihre Anwesenheit autorisierte. Dabei war es war hoch erfreulich, wie unbürokratisch, freundlich und interessiert das problemlos von statten ging. Einzig an der Stelle, an der Moritz einen Brief verbrennt, stockte unserer Beschützerin kurz der Atem: Offenes Feuer in einem Bus ist nämlich gar nicht so richtig erlaubt… Die Selbstexekution des Moritz mit wallenden Ketchupströmen wurde gnädig toleriert.Das von Alexandra Hladik-Fiorino. gefilmte Publikum stellte sichoffensictlich der schweren Aufgabe zu peilen, was sich da in ihrem vertrauten Schulbuss eigentlich abspielte:1.Debiles Asi-Alki-Prolo-Pack, dass im Bus autistisch mit sich selber redet?2.Engagierte junge Schauspieler, die übernächtigt im Mittagsbus, von der anstrengenden Probennacht nach Hause fahren und sich SELBST DANN NOCH zwanghaft mit dem Stück beschäftigen MÜSSEN und dabei auch noch unschuldige Businsassen belästigen MÜSSEN?3.Die Performance zweier Leute, die ausschließlich zwei Dinge im Sinn haben:1. Die Rettung des Theaters vor sich selbst.2. Die Rettung der MOVIEbeta-Website durch pädagogisch wertvolles Overacting?Gabor Baksay

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