Die Darbietung des eigenen Gesichts als Sitzgelegenheit bezeugt Achtsamkeit und Respekt vor dem Familienoberhaupt
Wir alle kennen den festlichen Duft der Aachener Weihnachtsleberwurst. Ebenso ist uns das kosmopolitische Gewimmel auf dem Weihnachtsmarkt zur lieben Gewohnheit und Freude geworden.So weit, so stimmungsvoll. Aber wissen wir auch, wie unsere euregionalen Nachbarn die Festtage verbringen? Haben wir auch nur die leiseste Ahnung, wie die weihnachtlichen Sitten und Gebräuche der Niederländer und Belgier aussehen? Leider nein. Dabei sind gerade deren Riten zum Christfest so tiefsinnig und phantasievoll. Es ist also an der Zeit, einen Blick über die Grenzen zu wagen und nachzuschauen, was sich dort an uralten Traditionen und Brauchtum offenbart.
Wie überall auf der Welt beginnt auch in Holland und Belgien die glanzvolle Zeit des Advents mit dem Flackern einer einzigen brennenden Kerze. Ihr warmer Schein ist es, der die ganze Familie umhüllt und ein Gefühl der Geborgenheit schenkt. Dazu dieses leichte Flackern, das flüsternde Knistern – so einfach wird eine Kerze zum Fest für die Sinne, zum Boten der Besinnlichkeit. Immer mehr von ihnen erstrahlen im Laufe des Dezembers, in den Bäumen, in den Fenstern. In Belgien sogar auf den Autobahnen, die, so des Nachts in strahlendes Licht gehüllt, die berühmte belgische Autobahnbeleuchtung erzeugen.
Zur Einstimmung auf die Festtage sind in Belgien kleinere Schönheitsoperationen inzwischen keine Seltenheit mehr. Hängebacken, abstehende Ohren oder womöglich Schlimmeres sind schließlich ein Anblick, den man seinen Lieben ersparen möchte und deshalb diskret entfernen lässt.
In den Niederlanden beschränkt sich die kosmetische Einstimmung auf die Weihnachtszeit dagegen traditionell auf podologische Maßnahmen, um die besinnliche Atmosphäre des Heims nicht mit Fußgeruch oder unschönen Talgabsonderungen zu belasten.
Das Weihnachtsessen
Wenn dann der große Tag kommt und sich die ganze Familie am Gabentisch versammelt, ist in den Niederlanden die Anwesenheit eines Geistlichen verbindlich vorgeschrieben. Viele religiöse Grenzfragen sind einfach zu tiefgründig, um sie theologischen Laien zu überlassen. Den meisten Niederländern ist es z.B. nicht möglich, die zur Weihnachtszeit besonders aktuelle Frage: „Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?“ zufriedenstellend zu beantworten. Die Anwesenheit eines Fachmanns gewährleistet eine deutliche Verbesserung des Informationsstands und der Konversationsqualität. Der Standardsatz eines Niederländischen Familienvaters: “Ik geloof an niks”, gehört seit der Einführung der Anwesenheitspflicht einer spirituellen Kontaktperson beim Weihnachtsessen, endgültig der Vergangenheit an. Ein Brauch, den auch wir baldigst in unsere Sitten und Gebräuche aufnehmen sollten, um unschöne Streitereien in der Familie vermeiden. So ein Geistlicher ist kostet nicht viel und ist, was die Tafelfreuden angeht, meist recht genügsam.
Sowohl in Belgien als auch Holland, spielt die gemeinsame Freude an sorgsam bereiteten Speisen in den Festtagen die Hauptrolle. Besonders am Heiligen Abend ist der Appetit groß, denn schließlich ist die Adventszeit ja eine Fastenzeit. In Belgien ist es nun Sitte, den Festschmaus am Heiligen Abend erst beginnen zu lassen, sobald der erste Stern am Himmel leuchtet. Prinzipiell ein schöner Brauch. Leider führt aber seine Befolgung im wolkenreichen Königreich immer wieder zu knurrenden Mägen, Gereiztheiten, kleineren Rangeleien und manchmal sogar zu erschütternden Familientragödien.
Unbeschwerter können die Holländer zur Tafel schreiten. Diese ist, unabhängig von der Wetterlage, ab 18 Uhr üppig gedeckt mit dem traditionellen Festtagsgericht der Niederlande, Miracoli-Bolognese. Dieses mit einer geheimen Gewürzmischung hergestellte Trockenfertiggericht korrekt zuzubereiten, gelingt allerdings nur den allerwenigsten Weihnachtsköchinnen. Schließlich fehlt es den Damen in der Hektik des Festtagstrubels an Zeit und der nötigen Konzentration, um die delikaten Teigwaren fachgerecht al dente zuzubereiten. Als vorausblickender Gast führt man deshalb unauffällig einen kleinen Notproviant mit sich, den man, bei Bedarf, im Badezimmer zu sich nehmen kann: Eine Handvoll Nüsse, Käse, etwas Dörrobst genügen meist schon, um sich unangenehme Heißhungerattacken zu ersparen, falls der Hausfrau die Miracoli wieder mal zu matschig geraten sind.
So wie sich die Belgier am savoir vivre Frankreichs ausrichten, nehmen sich die Holländer Charakter und Sitten Englands zum Vorbild. Von daher erklärt sich nicht nur ihre Freude an korrekt zubereitetem Tee, sondern auch ihre vollendeten Umgangsformen. Durch die komplizierten Höflichkeitsrituale der Niederländer kann sich der Genuss so eines Weihnachtsessens durchaus eine Nacht lang hinziehen. Denn alle Familienmitglieder fühlen sich innerlich verpflichtet, sämtliche gereichten Speisen und Beigaben, zum Zeichen der Bescheidenheit, mehrmals zurückzuweisen: „Aber das kann ich doch nicht annehmen…“, „Das wäre doch gar nicht nötig gewesen“, usw. Sportlich veranlagte Sippschaften holen aber den entstandenen Zeitverlust durch geschickte Würg- und Press-Konvulsionen der Gaumenmuskulatur schnell wieder ein.
Eine empfindliche Belastung der Festtagsstimmung bildet die gefürchtete Fastenperiode von 10 bis 12 Uhr. Zur Überbrückung dieser religiös verordneten Durststrecke hat sich in beiden Nationen das sog. Facesitting eingebürgert. Die zeremonielle Darbietung des eigenen Gesichts als Sitzgelegenheit für das Familienoberhaupt lenkt von quälenden Hungergefühlen ab und bezeugt gleichzeitig Achtsamkeit und Respekt vor der beschwerlichen Verantwortung als Ernährer der Familie. Die Kinder beschäftigen sich in der Zeit mit Handarbeiten oder ziehen Raubkopien aus dem Internet.
Familienspaziergänge mit fatalen Folgen
Nach dem Mittagsmahl stimulieren die Niederländer ihre Verdauung mit ausgiebigen Wanderungen durch die unendlichen Weiten der flämischen Landschaft. Neben der Wahl erstklassigen Schuhwerks ist es unabdingbar, die traditionell festgelegte Reihenfolge einzuhalten. Gäste aus dem Ausland genießen den als drollig empfundenen Anblick einer niederländischen Sippschaft, die wie eine Entenfamilie, am Schnürchen aufgereiht, dem Papa hinterherspaziert. Auch wenn der Nachwuchs die Formation mal verlässt, ist das keine große Sache. Eine humorvolle Zurechtweisung oder ein kleiner Klaps auf den Elektrisierknochen reicht in der Regel, um den geordneten Zustand wieder herzustellen. Dennoch haben es die Väter nicht gern, wenn sie unterwegs ihre Wanderpläne ändern müssen, bloß weil die Dame des Hauses ihre Kräfte überschätzt hat oder aus Zimperlichkeit unangebrachte Rücksicht verlangt. Rücksichtsvolle Wanderinnen tragen ihr Gepäck selbst. Das schließt aber nicht aus, dass der Herr Papa sich als Ritter erweist – je weniger die listige Mama diesen Kavaliersinstinkt herausfordert, desto üppiger blüht er meistens. Ein tragisches Kapitel niederländischer Feiertagsgestaltung darf hier nicht unerwähnt bleiben. Aus historisch immer noch ungeklärten Gründen missachtet das sonst so kultivierte Volk der Niederländer seit Jahrhunderten eine unumstößliche Regel des geordneten Familienausflugs: Dass nämlich im Wald niemals geraucht werden darf! Die gewohnheitsmäßige Zuwiderhandlung gegen dieses eherne Gesetz führte in der Vergangenheit zu den berühmt-berüchtigten Waldbränden zur Weihnachtszeit. Beinahe der gesamte Baumbestand der Niederlande wurde auf diese Weise zum Raub der Flammen. Weite Landstriche bestehen deshalb aus endlosen Sand- und Dünenformationen, spärlich bewachsen mit Gräsern und verkrüppelten, Bonsai-artigen Holzgewächsen.
Mutter ganz bei sich
Kommen wir aber wieder zu erfreulicheren Dingen: Die Stunden zwischen 17 und 19 Uhr sind ganz der Mama und ihrem gründlichen Enthaarungsbad gewidmet. Dabei ist Ehrensache, dass sich der Rest der Familie mucksmäuschenstill verhält. Selig in sich selbst geborgen, schwimmt und schwebt die Mama in handgeschöpfter Natronlauge. Der warm leuchtende Kerzenschein und die erhabenen Klänge von Mozarts Requiem zählen für jede holländische Mutter zu den kostbarsten Momenten des Jahres. Nach altem Brauch übernimmt der älteste Sohn des Hauses anschließend die Reinigung der Wanne und sammelt die Haare sorgfältig in einem allein für diesen Zweck vorbehaltenen Silberdöschen. Als uraltes Ritual der Auferstehung dreht Vater daraus eine Zigarette und lässt sie unter seinen Lieben kreisen. Dabei wird penibel darauf geachtet, nicht daneben zu aschen. Denn in dem Fall – so will es der Volksglaube – würde das Christkind eigenhändig das ganze Haus verfluchen und sämtliche Geschenke atomisieren.
Gemeinsames Spiel
Neben Lichtmeditation, theologischen Diskursen und ausgiebigen Mahlzeiten gehört gemeinsames Spiel zu den wichtigsten Ingredienzien eines gelungenen Weihnachtsfestes. Hier eine kleine Sammlung der originellsten Varianten aus Benelux:
Das besonders in Flandern beliebte „Bofen trecken“ (Ohrläppchen ziehen) geht im Kern auf das altfränkische „grimhelmas heap“ (den Kopf vom Leibe kegeln) zurück. Dieser kriegerische Wettkampf des Mittelalters wandelte sich im Lauf der Jahrhunderte immer mehr zur arglosen Unterhaltung heutiger Kleinfamilien. Die besonders von den Kleinsten häufig ausgestoßenen Schmerzenslaute sind meistens gespielt und werden von Papa mit einem neckischem Klaps auf den Elektrisierknochen „geahndet“.
Eher kultischen Charakter hat das folgende Spiel der Belgier. Dabei werfen die Töchter des Hauses ihre Schuhe über die Schultern, um zu sehen, ob eine Periode bevorsteht. Zeigt die Spitze des Schuhs zur Tür, wird die Monatsblutung unmittelbar einsetzen. Zeigt sie von der Tür weg, muss das Mädchen zweimal aussetzen und geht in die Menopause. Aufgrund der verblüffenden Zuverlässigkeit dieser Methode, sind in den Niederlanden Menstruationsbeschwerden so gut wie unbekannt.
Eine der geselligsten und gleichzeitig nützlichsten Feiertagsunterhaltungen ist leider ausschließlich Familien vorbehalten, die ein behaartes Haustier besitzen. Die Familie durchsucht gemeinsam, unter sachkundiger Anleitung des Vaters, das Fell ihres Lieblings nach Flöhen, Zecken und anderen „Untermietern“, die sich dort herumtreiben. Wer einen gefunden hat, darf ihn essen und dreimal in die Hände klatschen.
Weniger ein Spiel, als vielmehr eine praktische Lebensweisheit geht auf den Rat der niederländischen Großmütter zurück: „Seht ins Grüne, das entspannt“, ist ein fester Bestandteil der Festtagsgestaltung. Beim gemeinsamen Blick auf endlose Dünen und mustergültig geschnittene Wiesen entspannt sich die Familie physisch und psychisch. Dazu wird Kamillentee gereicht und festlich bestickte Kissen auf die Fensterbank gelegt.
Ebenfalls mehr geselliges Beisammensein als reines Spiel ist das sog. „Neuken“ oder „Naien“. So nennen sich die kniffligen Bastelarbeiten, meistens Stick- oder Häkelarbeiten, die historische Höhepunkte der niederländischen Geschichte bildlich darstellen (Die Seeschlacht von Scheveningen, usw.)

Die Melodien des André Rieu erblühen erst zum wahren Glanz, wenn man sie korrekt gespielt mit dem niederländischen Nationalinstrument zum klingen bringt
Festlicher Ausklang
Zum Ausklang der Festlichkeiten spielt der Geistliche auf dem niederländischen Nationalinstrument, der Nasenflöte, die schönsten Evergreens von André Rieu. Dazu tanzen Mama und Papa innig umschlungen und unter stehenden Ovationen der Kinder einen Walzer. Es folgt eine abschließende Lichtmeditation, bei der sich die Familie das heilige Versprechen gibt, das nächste Fest noch schöner und warmherziger zu gestalten als das nun ausklingende. „Auf dass die Lichter, Gaben und offenen Herzen noch inniger und tiefer leuchten werden“, lautet das traditionelle Schlusswort des Geistlichen.
Auf Zehenspitzen schleichen Mama und Papa spät in der Nacht noch ein letztes Mal in die Badewanne. Aber dann schlafen die Kinder bereits tief und selig.
Gabor Baksay












Kann man da mit feiern? Nächstes Jahr jetzt?